Berlin : Geliebte Lüge

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Christian van Lessen über

die Wahrheit und den Weihnachtsmann

Schauen wir uns die kleinen und die großen Leute heute mal genauer an. Die kleinen sehen schon seit Tagen anders aus, und ihre unruhigen Augen deuten Älteren an, wie erwartungsvolles Glück aussehen kann: Heute kommt der Weihnachtsmann! Endlich.

Aber auch die Großen sehen anders aus. Beispielsweise die, die sonst nur mürrisch in der UBahn sitzen. Oder die, die schnell noch auf den letzten Drücker ins Kaufhaus rennen. Die im Supermarkt Schlange stehen, mit der letzten tiefgekühlten Gans unterm Arm. Oder blicken wir auf jene, die ihrem Auto eine Feiertagssonderwäsche gönnen, sich selbst ein letztes großes Sixpack, pfandfrei. Also abgesehen davon, dass jeder heute auf seine Art ein Päckchen zu tragen hat: Die Leute sehen anders aus.

Sie wirken, als seien sie die weichgezeichneten Darsteller in einem herzergreifenden Hollywoodfilm. Es liegt Rührung in der Luft, und wer uns heute wieder sagen will, dass die Welt schlecht und gefährlich ist, dem antworten wir nur allzu gern, dass er lügt.

Heute wenigstens wollen wir glauben, was wir sonst nicht glauben. Beispielsweise an den Weihnachtsmann. Soll man Kindern die Wahrheit über ihn sagen, fragten wir am Wochenende für unser Pro & Contra.

Genau 77,5 Prozent der teilnehmenden Leser gaben contra, entschieden sich für den Weihnachtsmann, der selbst skeptische Kinder so in den Bann zieht, dass sie alle Bedenken vergessen. Politiker sollten nicht auf den Glauben an den Weihnachtsmann setzen. Die Lüge, so sie überhaupt eine ist, gilt nur heute, morgen und übermorgen.

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