Berlin : Geliebte Ruine

Die Gedächtniskirche wurde zerbombt, ihr Schiff dem Verkehr geopfert Den Turm zu erhalten ist schon seit Jahrzehnten eine Herausforderung

Matthias Oloew

Für Egon Eiermann war der Turm ein „fauler Zahn“: nicht standsicher und seinen Plänen für den Neubau der Kaiser- Wilhelm-Gedächtniskirche im Weg. Doch die Baupolizei belehrte den Gewinner des 1956 ausgeschriebenen Architekturwettbewerbs eines Besseren: Ihre Untersuchungen belegten, dass die Ruine am Breitscheidplatz durchaus noch lange würde stehen können. Damit sprach die Behörde den Berlinern aus tiefstem Herzen. 90,7 Prozent der Teilnehmer einer Tagesspiegel-Umfrage vor über 50 Jahren votierte dafür, den schwer beschädigten, aber markanten Turm stehen zu lassen – als Mahnmal gegen den Krieg.

So kam es auch. Eiermann, der in seinen ursprünglichen Plänen die Ruine völlig beseitigen lassen und durch einen nüchternen Neubau ersetzen wollte, musste sich geschlagen geben. Er entwarf schließlich das, was heute zu sehen ist: einen achteckigen Bau und einen separaten Turm auf der anderen Seite der Ruine. Dabei hätte noch viel mehr von der alten Kirche erhalten werden können. Denn das als „Taufhaus des Westens“ bezeichnete Gebäude war durch die Bomben im November 1943 zwar schwer beschädigt, aber nicht zerstört worden. Die Reste des einst pompösen Kirchenschiffs und der teilweise erhalten gebliebenen Osttürme wurden dem Autoverkehr geopfert. Der Senat wollte unbedingt eine Verbindung zwischen Kurfürstendamm und Budapester Straße – für die verbreiterte Trasse stand das Kirchenschiff im Weg.

Eiermann gab der Ruine 25 Jahre. Er sollte sich irren. Als Kirche war der Bau zu Ehren Kaiser Wilhelms I. bei den Berlinern nicht sonderlich beliebt. Als Ruine war sie ihnen ans Herz gewachsen. Die Überbleibsel der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche symbolisierten wie nichts anderes den seelischen Zustand nach Diktatur und Zweitem Weltkrieg.

Trotzdem sollte auch Eiermann recht behalten. Nach 25 Jahren war der Turm sichtlich angenagt. „Es war eine echte Herausforderung, die Turmruine, die aus weichem Gestein besteht, wetterfest zu machen“, erinnert sich Helmut Engel, damals Landeskonservator, heute Geschäftsführer der Stiftung Denkmalschutz Berlin. In den 80er Jahren wurden deshalb alle offenen Wunden mit Blechen verkleidet, mit Harzen ausgegossen und die Fenster mit neuen Scheiben doppelt verglast. Doch auch diese Maßnahmen halten nicht ewig. Jetzt ist die Ruine, wie berichtet, wieder ein Sanierungsfall. Rund drei Millionen Euro müssen nach einem Gutachten investiert werden.

Eine Summe, die weder die Kirche noch die Stadt aufbringen können. Zarte Andeutungen, die Stiftung Denkmalschutz könne sich einbringen, die schon das Brandenburger und das Charlottenburger Tor saniert hat, werden von der Landeskirche zurückhaltend beantwortet. Einen Wiederaufbau der alten Kirche, wie er nach dem Zweiten Weltkrieg einmal kurzzeitig diskutiert wurde, fordert indes niemand. Inzwischen ist nicht nur die Ruine, sondern auch der Eiermann-Bau denkmalgeschützt und berühmt. Genauso wie der Turm.

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