Berlin : Gemeinde XXL

Kardinal Woelki will Pfarreien fusionieren. Das kommt bei den Mitgliedern weiterhin nicht gut an.

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Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

„Das kann ja wohl nicht wahr sein!“, ruft Michael Klein in den Pfarrsaal. Er ist Mitte 40, Mitglied in der katholischen Gemeinde St. Benedikt. Es ist Donnerstagabend, halb neun. Vorn hat Markus Papenfuß, ein Vertreter des Berliner Erzbistums, gerade den 50 Gemeindemitgliedern klargemacht, dass sich keine Gemeinde den Plänen von Kardinal Rainer Maria Woelki wird entziehen können: „Entweder Sie beteiligen sich an dem Prozess, oder es wird über Sie bestimmt.“

Woelki, getrieben von Prognosen über den Schwund von Gläubigen und Priestern, will das Bistum tiefgreifend umstrukturieren. Von den heute 155 aktiven Priestern werden 2030 noch 85 im Dienst sein, von den 64 Gemeindereferenten noch 22. Deshalb sollen die 105 katholischen Gemeinden bis 2020 zu 30 Großpfarreien fusionieren, Schwerpunkte in ihrer Arbeit setzen und sich mit anderen katholischen Einrichtungen vernetzen.

Zwei Abgesandte aus dem Ordinariat besuchen die Gemeinden, um sie für das Projekt zu gewinnen. Markus Papenfuß wirft mit Powerpoint Bilder und Texte an die Wand. Die Schrift ist klein, die Gemeindemitglieder, mehrheitlich grauhaarig, können kaum etwas erkennen. Einige zucken mit den Achseln, andere lachen auf, so fern ihrer Wirklichkeit kommen ihnen die Pläne vor.

St. Benedikt in Lankwitz besteht aus drei Gemeinden, die 2003 wegen der dramatischen Finanzkrise des Bistums zusammenrücken mussten. Ein neuer Zusammenhalt ist nicht gewachsen, viele ehrenamtlich Aktive sind abgesprungen. Und da sollen sie bis 2016 weitere Pfarreien in der Nachbarschaft suchen, die wiederum auch schon mehrere Gemeinden unter ihrem Dach versammeln, um eine XXL-Pfarrei zu gründen? „Wie fängt man da an zu suchen?“, fragt eine ältere Frau. „Das scheint mir nach dem Windhund-Prinzip zu laufen“, sagt Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU). „Wer als erster Partner gefunden hat, kann froh sein. Aber was ist mit denen, die nicht so schnell sind? Müssen die nehmen, was übrig bleibt?“

Aus vielen Fragen ist Überforderung herauszuhören. Ein Mann wünscht sich deutlichere Vorgaben vom Kardinal. Andere fürchten genau das: „Der Bischof hat die Pläne schon in der Schublade, wir sollen doch nur zum Schein mitmachen“, vermutet Michael Klein. „Was ist, wenn ich da richtig mitarbeite, Zeit investiere, Partner suche und am Ende gefällt es dem Kardinal nicht?“, fragt Pfarrgemeinderatsvorsitzende Annette Knobel. Das Misstrauen ist groß. Andere Gemeinden lehnen die Pläne rundweg ab und wollen grundsätzlicher diskutieren, über den Zölibat, über alternative Gottesdienstformen.

Kardinal Woelki machte bereits deutlich, und auch Markus Papenfuß lässt daran keinen Zweifel: Es gibt keine Alternative zu den Fusionen. Und über den Zölibat brauche man in Berlin sowieso nicht zu diskutieren. Das müsse in Rom geklärt werden. Claudia Keller

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