Berlin : Gemeinsam stark: Einzelhändler zeigen Mannschaftsgeist

In der Westfälischen Straße setzen die Geschäftsleute nicht auf Rummel. Sie laden zum Blick hinter die Kulissen ein

Cay Dobberke

Einzelhändler handeln einzeln – und scheitern oft. In der Westfälischen Straße ziehen die Geschäftsleute deshalb an einem Strang: 34 Händler laden hier am morgigen Sonnabend von 11 bis 18 Uhr zum Informationstag ein, an dem die Kunden hinter die Kulissen blicken und Angebote probieren können. Es geht in Halensee ausdrücklich nicht um eines der vielerorts üblichen Straßenfeste mit Musik, Imbiss- und Verkaufsbuden – zumal Läden von solchen Partys nicht immer profitieren, wie der alljährliche Ärger um Umsatzeinbußen durch das Kurfürstendamm-Fest zeigt.

Im Gegensatz dazu organisieren die Händler in der Westfälischen Straße alles selbst. Ähnliche Aktionen gab es schon früher, aber mit geringerer Beteiligung. „Die Straße hat zusammen gefunden“, lobt die Boutiquen- Besitzerin und Vorsitzende der Händler-Interessengemeinschaft, Heide Meyer. Zu dieser Entwicklung hat eines der Modellprojekte beigetragen, die den Berliner Einkaufsstraßen zu neuer Blüte verhelfen sollen. In Charlottenburg-Wilmersdorf heißt das Projekt „Management für vitale Geschäftsstraßen“. Es wird von der Wirtschaftsberatung des Bezirksamts geleitet und mit EU-Geldern aus dem Fonds für Regionale Entwicklung finanziert. Beteiligt sind 140 Läden in neun Geschäftsstraßen, die Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie die Universität der Künste, deren Studenten Werbematerial entworfen haben. Die Händler wollen sich besser abstimmen, um ihre Standorte gegenüber der Konkurrenz im Umland und Shoppingcentern zu stärken.

Die Westfälische Straße, wo sich die Geschäfte zwischen dem Hochmeisterplatz und der Ecke Kurfürstendamm konzentrieren, ist mittelständisch geprägt und kann sich bisher vergleichsweise gut behaupten. Nur drei der insgesamt 64 Läden sind Filialbetriebe. Der Ladenleerstand ist gering und die Mieten gelten als erträglich. „Der Mietpreis war ein Hauptgrund für unsere Standortwahl“, sagt Thomas Gartz, der erst in dieser Woche die Gruß- und Postkartenhandlung „Karten & mehr“ in einem ehemaligen Friseurgeschäft eröffnet hat. Er beteiligt sich mit Eröffnungsangeboten an der Aktion der Geschäftsleute. Im Nachbarhaus lädt der Juwelier Zugck & Oechtering morgen dazu ein, Silberringe selber zu schmieden. Drei Kurse sollen jeweils zwei Stunden dauern (Unkostenbeitrag: 10 Euro, Anmeldung unter Telefon: 893 20 27). Juwelierin Claudia Zugck hat ihre Standortwahl nie bereut: „Es ist eine sehr gesunde Straße mit Kiezcharakter.“ Auch die anderen Geschäftsleute haben sich einiges ausgedacht. Es gibt beispielsweise eine Tombola, ein Glücksrad und eine Bademodenschau. In einer Fahrschule können Interessenten testen, wie gut sie die Vorschriften kennen. Ein Bilderrahmengeschäft erklärt Druckgrafikverfahren und lädt zum Ausprobieren ein, ein Obst- und Gemüseladen präsentiert „Gemüse-Schnitzereien“.

Solche Aktivitäten empfiehlt auch Nils Busch-Petersen vom Berliner Einzelhandelsverband: Den Zusammenschluss in Interessen- oder Arbeitsgemeinschaften, Bemühungen um eine starke Kundenbindung und gemeinsame Öffnungszeiten zählt er zu den wichtigsten Schritten im Konkurrenzkampf. Auch die Reichsstraße in Westend hat sich dem Modellprojekt des Bezirksamts angeschlossen – ein sichtbares Zeichen dafür sind die zurzeit mit Frühlingsblumen bepflanzten Baumscheiben. Händler in der Wilmersdorfer Straße lockten vor kurzem Besucher der Internationalen Tourismusbörse (ITB) mit einer originellen Idee zu sich: Zwischen dem Messegelände und der Fußgängerzone pendelte ein Oldtimer-Bus mit einem Fahrer in historischer Uniform. Regelmäßig nehmen Vertreter der neun kooperierenden Einkaufsstraßen an Vorträgen von Experten, Planungstreffen und „Kontaktbörsen“ teil.

Unterdessen wirbt der Einzelhandelsverband auch für ein Modell, das aus den USA stammt. Immobilieneigentümer in einem bestimmten Gebiet sollen eine Pflichtabgabe zahlen, um die Umgebung aufzuwerten – etwa durch bauliche Verschönerungen. „Natürlich ist zu erwarten, dass Eigentümer sich das Geld später über die Mieten zurückholen“, sagt Verbands-Geschäftsführer Busch- Petersen. Das Konzept namens „Business Improvement Districts (BID)“ wurde gerade bei einer CDU-Veranstaltung vorgestellt. Als Vorbild nannte Busch-Petersen den Times Square in New York, der durch die gemeinsame Initiative dortiger Unternehmer wieder an Glanz gewonnen habe.

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