Gemeinsame Sache in Berlin-Mitte 2017 : Wenn Kultur durch den Magen geht

Das „Lawrence“ ist ein Ort für kulturellen Austausch. Hier werden Berliner Kinder Briefe an Kinder in Flüchtlingscamps schreiben.

Merle Collet
Das „Lawrence“ in der Oranienburger Straße soll Café, Restaurant, Coworking-Space, Shop, Galerie und Studio in einem sein.
Das „Lawrence“ in der Oranienburger Straße soll Café, Restaurant, Coworking-Space, Shop, Galerie und Studio in einem sein.Foto: Sven Darmer

Hohe Decken, große Fenster und über 400 Quadratmeter Fläche. Soll man die Atmosphäre im „Lawrence“ in der Oranienburger Straße 69 an der Ecke Tucholskystraße mit einem Adjektiv beschreiben, so lautet dies vermutlich „offen“. Das „Lawrence“ ist ein Ort des kulturellen und kreativen Austauschs mit Café, Restaurant, Coworking-Space, Shop, Galerie und Studio. Am Aktionstag „Gemeinsame Sache“ am 9. September sollen hier Berliner Kinder gemeinsam mit Lina al Haddad, einer Psychologin aus Syrien, Briefe an Kinder in libanesischen Flüchtlingsheimen schreiben, um so trotz der räumlichen Distanz eine reale Nähe zu schaffen.

Berliner und die Newcomer

„Wir sind Kulturen“, sagt Frank Alva Buecheler, der sich zusammen mit Bashar Hassoun die Geschäftsführung des „Lawrence“ teilt. „Es ist eigentlich ein Kulturzentrum, aber das hört sich immer nach ungewaschenen Socken an“, sagt Buecheler: „Es soll ein Treffpunkt sein. Für die Newcomer, für Berliner, für Touristen, um Neues zu erfahren und zu entdecken und Kultur geht eben auch durch den Magen.“

Als Newcomer bezeichnen Buecheler und Hassoun übrigens Geflüchtete, die nun in Deutschland leben und sich hier eine neue Zukunft aufbauen. „Das Essen versammelt alle an einen Tisch. Egal, welcher Religion oder Nationalität“, fügt Hassoun hinzu, der gelernter Kaufmann und vor einigen Jahren aus Damaskus geflüchtet ist.

Dass das frisch eröffnete „Lawrence“ ein Ort des kulturellen Austauschs ist, verrät ein Blick an die Raumdecke: Neben altem Berliner Stuck ist auch ein neues arabisches Stuckband aus Gips zu entdecken. Und wer sich erst mal hineinsetzt, der kann einen großzügigen Blick auf die Neue Synagoge erhaschen.

Wege aus dem Postkolonialismus

Das Projekt ist das neueste Projekt der Gesellschaft „Freeartus“. Buecheler, der außerdem Regisseur und Autor ist, hatte in einem Flüchtlingsheim zusammen mit den Geflüchteten Konzerte organisiert und besuchte auch Flüchtlingscamps im Libanon. Daraus entstand die Idee, sich mit der Gründung von „Freeartus“ auf die Betreuung von Geflüchteten aus dem kreativen Bereich zu konzentrieren. So organisieren sie für die Künstler Konzerte und Ausstellungen oder knüpfen wichtige Kontakte.

Im Mittelpunkt steht der Austausch von Kulturen über die Sprache von Kunst. Dabei ist der Organisation wichtig, dass die Geflüchteten eingebunden werden. „Wir wollten mit dieser postkolonialen Haltung ’wir wissen, was für euch gut ist’ aufhören", sagt Buecheler, „wir haben kurzerhand beschlossen, den Support von Newcomern anders zu organisieren.“

Inzwischen ist „Freeartus“ eine Partnergesellschaft der Union of Relief and Development Associations – einer Dachorganisation von über hundert Nonprofit-Organisationen.

An den Rand gedrängt

Dass die Geflüchteten stets voll in die Arbeit und Entwicklung der Organisation integriert werden, zeigt sich ebenfalls im „Lawrence“: Der Großteil der Mitarbeiter kommt aus Syrien, auch die Idee zum Kulturzentrum stammt von ihnen. Nachdem das temporäre Flüchtlingsheim in der Große Hamburger Straße geschlossen wurde, fiel für viele ein wichtiger Ort in Berlins Mitte weg.

„Viele Newcomer sagten, sie wollen nicht an den Stadtrand abgeschoben werden“, erzählt Buecheler. Um also dennoch im Zentrum und auch im politischen Berlin sichtbar zu bleiben, suchten sie nach einer Immobilie in Berlin Mitte. Seit März wurde der Laden der ehemaligen Monbijou-Apotheke renoviert – von deutschen als auch syrischen Bauarbeitern.

Hassoun und Buecheler wollen ihren Gästen hier traditionelles orientalisches Essen, wie das Reisgericht Maqluba, servieren. „Wir wollen jenseits von Falafel vorstellen, was es da noch so an Geschmacksvariationen gibt“, sagt Hassoun. Auf Sitzkissen mit bestickten Stoffen aus Damaskus und zwischen original syrischen Windlichtern sollen sich hier neugierige und tolerante Gäste einen Eindruck von der arabischen Kultur machen.

Und umgekehrt: Auch den Geflüchteten soll so die europäische Lebensart näher gebracht werden. „Es geht um Begegnung und Austausch. Wir müssen mehr von einander lernen“, sagt Hassoun.

Etwas zum Anfassen

Das Thema Austausch soll auch am Aktionstag „Gemeinsame Sache“ im Mittelpunkt des „Lawrence“ stehen: Zusammen mit al Haddad sollen Berliner Kinder dann Briefe für Kinder in libanesischen Flüchtlingslagern verfassen. Die Form dieser Kommunikation ist bewusst gewählt: „Für die Kinder dort ist es etwas Besonderes, einen Brief zu bekommen und somit etwas in den Händen zu halten“, sagt al Haddad, die Psychologin und auch Doktorandin für Kulturvergleichende Entwicklungspsychologie an der Freien Universität ist. Sie erinnert sich dabei an ihre eigene Kindheit in Syrien. Wichtig ist Buecheler, Hassoun und ihr, dass die Kinder im Libanon verstehen, dass Menschen in Europa an sie denken. Für die Briefeschreiber hier soll es wiederum ein Anreiz sein, sich an die arabische Welt und auch das Thema Flucht heranzutasten.

Es soll, so hoffen Buecheler, Hassoun und al Haddad, jedoch nur einer von vielen Tagen im Lawrence werden, an dem sich ihre Gäste mit anderen Kulturen beschäftigen und mal „offen“ über den eigenen Tellerrand hinaus schauen.

Mehr Informationen unter: www.freeartus.org und www.lawrence.berlin.

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