Gemeinsame Sache in Marzahn-Hellersdorf 2016 : Marzahn: Die richtige Masche

Im Nähcafé in Marzahn können sich geflüchtete Frauen kreativ betätigen und finden zugleich einen Schutzraum für Treffen und Gespräche.

Merle Collet
Erfolgsmodell. Cordula Bienstein im Nähcafe im Stadtteilzentrum Marzahn.
Erfolgsmodell. Cordula Bienstein im Nähcafe im Stadtteilzentrum Marzahn.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Interkultureller Austausch mit Nadel und Faden? Inmitten der Marzahner Promenade, zwischen urbaner Hochhausarchitektur samt reichlich bepflanzter Balkone und Streifenmarkisen, befindet sich das Nähcafé der Volkssolidarität. Mit der Eröffnung Anfang August ist hier nicht nur ein Ort der Begegnung, sondern vor allem eine Kreativstätte für geflüchtete Frauen entstanden. Seitdem lädt die Volkssolidarität zu kostenlosem Kaffee und gemeinsamer Textilarbeit ein.

„Egal, welche Sprache man spricht und auch ohne Sprachkenntnisse. Jeder ist willkommen“, sagt Martina Polizzi, eine der Projektleiterinnen der Volkssolidarität im Stadtzentrum Marzahn. „Hier sollen die Menschen durch das gemeinsame Hobby zusammenfinden.“ Dennoch ist Nähexpertise keine Vorbedingung, um dem Café einen Besuch abzustatten. Seit der Eröffnung am 8. August kommen hier täglich Frauen, um zu nähen, um stricken zu lernen oder einfach, um Kaffee in Gesellschaft zu trinken. In erster Linie aber soll geflüchteten Frauen außerhalb der Notunterkunft ein Ort des kreativen Austauschs geboten werden. Dennoch sind ebenso alt eingesessene Marzahner als auch Neuzugezogene herzlich willkommen.

Im Juni dieses Jahres kam Martina Polizzi und ihrer Kollegin vom Migrationssozialdienst, Cordula Bienstein, die Idee zum Nähcafé. Wie positiv die Resonanz darauf war, hat sich dann schon beim Spendenaufruf für die Ausstattung des Cafés gezeigt. „Wir sind nun besser bestückt als jeder Kurzwarenladen“, sagt Polizzi: 18 Nähmaschinen, Bügelmaschine, Stoffreste, Knöpfe, Stricknadeln und vieles mehr wurde gespendet.

„Die Spenden waren überwältigend und großzügiger, als wir uns das jemals hätten vorstellen können“, ergänzt Bienstein ihre Kollegin. Kaufen mussten sie nur noch Tische, Hocker, Schachteln und Kisten. Damit fehlende Sprachkenntnisse kein Hindernis darstellen, wurden die Kisten und Schachteln kurzerhand mit Piktogrammen versehen. Ein geeignetes Logo wurde von einer ehrenamtlichen Grafikerin entwickelt und der Raum in den dazu passenden Farben gestaltet. Rosa und Rot bestimmen das Farbkonzept des Cafés. „Wichtig war uns, einen Raum zu schaffen, in dem vor allem Frauen sich wohlfühlen können“, sagt Bienstein, die das Nähcafé auch als eine Art Schutzraum bezeichnet, in dem Frauen Abstand von ihrem Alltag nehmen können. „Natürlich sind auch Männer willkommen. Dennoch wollten wir mit der Farbe unterschwellig vor allem geflüchtete Frauen locken, da diese meist schwieriger zusammenfinden“, sagt sie.

Von der Idee bis zur Öffnung vergingen insgesamt zwei Monate. Zur Eröffnung kamen dann weit mehr als 100 Leute. Kein Stuhl und keine Nähmaschine blieb unbesetzt. „Ob ältere Dame mit Enkeltochter, alt eingesessene Marzahner oder Geflüchtete. Alle waren da“, sagt Polizzi. Sofort übten sich einige der Flüchtlingsfrauen an den Nähmaschinen. Teilweise auch ohne genau zu wissen, wie das überhaupt funktionieren sollte, aber vor allem aufgeschlossen für das noch Unbekannte. Hilfe und Anleitungen haben sie dann von Frauen aus der direkten Nachbarschaft bekommen. „Mit Händen und Füßen wurde da kommuniziert. Wir standen daneben, schauten uns an und bekamen Gänsehaut“, sagt Bienstein. „Alle halfen sich gegenseitig“, ergänzt Polizzi.

Seitdem hat sich das Nähcafé als Treffpunkt im Marzahner Zentrum etabliert. Mit kostenlosem Kaffee und Keksen auf den Tischen sowie zahlreichen Gästen an den Nähmaschinen. Neben ausgefalleneren Sachen wie Schals oder Handytaschen aus Stoffresten, werden hier auch Socken gestopft oder Hosen gekürzt. In einem Kästchen kann jede Frau ihre angefangenen Arbeiten bis zum nächsten Besuch aufbewahren. Zwischen all den bereits hergestellten Werken sind Polizzi und Bienstein auf eines besonders stolz: Eine junge Syrerin hat ein Salwar Kamiz – so nennt sich ein traditionelles Gewand in Südasien – aus feinem Stoff genäht. Dies ziert nun die Schneiderpuppe im Schaufenster und demonstriert den Erfolg des Cafés. Bienstein und Polizzi sind sich jetzt schon einig, mit ihrem Projekt ihr Ziel erreicht zu haben. „Eine Begegnungsstätte für Geflüchtete zu schaffen, deren kreative Fähigkeiten zu fördern und gleichzeitig aus alten Dingen neue zu kreieren“, erklärt Bienstein. Ihr Wunsch ist es zudem , die genähten Sachen zu einer passenden Gelegenheit, etwa zu Weihnachten, zu verkaufen, um so neue Spendengelder zu erhalten.

Beim Aktionstag werden sie einen Workshop anbieten. Dann sollen Patchworkuntersetzer, Handytaschen und kleine Kissen hergestellt werden. „Keiner soll mit leeren Händen nach Hause gehen“, sagt Bienstein. Dabei freuen sie sich über jegliche Unterstützung. Neben selbst gebackenem Kuchen kann das auch Nähexpertise sein. Der Workshop soll außerdem als Auftakt für weitere Veranstaltungen dieser Art dienen. Neben ehrenamtlicher Unterstützung wünschen sich die beiden außerdem, dass sich ihr Nähcafé irgendwann auch als eigenes Unternehmen etabliert, um gegebenenfalls Frauen Hospitationen und Praktika für einen besseren Arbeitseinstieg anbieten zu können.

Weitere Infos unter:

www.volkssolidaritaet.de

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