Gemeinsame Sache in Neukölln 2015 : Neukölln: Wir geben Berlin etwas zurück

Give Something Back To Berlin: Neu-Berliner aus der Kreativszene engagieren sich für die Stadt – und auch für Flüchtlinge.

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Gemeinsame Töne. Deutsch lernen, kochen – und Musik machen: In der Refugee-Band haben sich Flüchtlinge aus diversen Ländern zusammengefunden.
Gemeinsame Töne. Deutsch lernen, kochen – und Musik machen: In der Refugee-Band haben sich Flüchtlinge aus diversen Ländern...Foto: Kalle Kuikkaniemi

Das Büro von „Give Something Back To Berlin“ befindet sich in dem Teil Nord-Neuköllns, der noch am wenigsten gentrifiziert ist. Am südlichen Ende der Sonnenallee ist das Angebot an Sisha-Bars, Gemüseläden und Spielbanken noch groß. In der Laubestraße haben die Schwedin Annamaria Olsson (31) und ihre Partnerin Lucy Thomas (32) aus Großbritannien ein Zimmer in einer Bürogemeinschaft gemietet. Die gefliesten Wände erinnern daran, dass sich hier früher eine Metzgerei befand.

In den vorderen Ladenräumen betreiben zwei Grafikerinnen ihr Büro. Im kleinen Hinterzimmer sitzen Annamaria Olsson und Lucy Thomas und beantworten E-Mails. 65 Neuanmeldungen sind in den letzten fünf Wochen eingegangen, erzählen sie stolz. „Give Something Back To Berlin“ oder kurz GSBTB ist eine Webseite, auf der sich Ausländer und Neu-Berliner vernetzen können, um ehrenamtliche Projekte zu entwickeln. „Die Leute sind nach Berlin gekommen, weil sie die Stadt so mögen, und möchten nun gerne etwas zurückgeben“, erklärt Olsson, runde Brille, lange blonde Haare, das Konzept.

Sie kennen die Leute

Olson und Thomas sammeln in ihrem Büro Vorschläge, koordinieren Projekte und vermitteln freiwillige Helfer an bestehende Organisationen in ganz Berlin. Die beiden Expats verstehen ihre Plattform als Schnittstelle zwischen aus dem Ausland stammenden Neu-Berlinern und den bereits bestehenden ehrenamtlichen Strukturen.

„Es gibt überall in Berlin soziale Organisationen und Nachbarschaftshilfen, die seit 30 oder 50 Jahren gute Arbeit leisten“, sagt Thomas. Sie kennen die Leute und wissen genau, was sie brauchen. Auf der anderen Seite gibt es die Zugezogenen, die, wenn sie nur Englisch sprechen, keinen Zugang zu den Projekten finden.

Urban-Gardening-Projekte und Kochkurse

Das sind beispielsweise Austauschstudenten oder Arbeitsmigranten – vorwiegend aus Europa, aber auch aus weit entfernten Ländern wie Australien oder Indien. Viele möchten sich gerne für soziale Projekte in ihrer Nachbarschaft engagieren, wissen aber nicht, an wen sie sich wenden sollen. Bevor Olsson und Thomas mit ihrer Arbeit anfingen, waren alle anderen Freiwilligen-Börsen ausschließlich auf Deutsch.

Unsere Sache. Annamaria Olsson (l.) und Lucy Thomas.
Unsere Sache. Annamaria Olsson (l.) und Lucy Thomas.Foto: Georg Moritz

Aufgrund von GSBTB gibt es mittlerweile 500 Freiwillige aus 40 Nationen, die sich für 50 Organisationen in zehn Berliner Bezirken engagieren. Sie geben Hausaufgabenhilfe, unterrichten Englisch und Deutsch für Flüchtlinge oder leiten Tanz- oder andere Kreativworkshops.

Urban-Gardening-Projekte und Kochkurse für Flüchtlinge gehören ebenfalls dazu. Entstanden ist auch eine Refugee-Band, in der Flüchtlinge aus Afrika mit Berlinern und Neu-Berlinern aus England, Australien, Frankreich oder Deutschland miteinander Musik machen. Flüchtlinge sind aber nicht die einzige Zielgruppe der Ehrenamtlichen. Sie kümmern sich um alte Menschen, Menschen mit Behinderungen oder sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche.

"Wir Zugezogenen waren plötzlich der Sündenbock"

Die Idee für die Plattform hatte Olsson, als sie merkte, wie sich die Kluft zwischen Neu-Berliner und alteingesessenen Berlinern zu vergrößern begann. Die Journalistin kam 2008 zum Arbeiten nach Berlin. Sie fühlte sich wohl und willkommen, schrieb sogar einen Reiseführer über Berlin. 2012 aber kippte die Stimmung.

„Wir Zugezogenen waren plötzlich der Sündenbock. Für alle negativen Entwicklungen – wie steigende Mieten und Gentrifizierung – wurden wir verantwortlich gemacht“, erinnert sich die Schwedin. Als sich dann Sprüche wie „Touristen raus“ oder „Hipsters not welcome“ breitmachten, wollte sie den Vorurteilen etwas entgegensetzen.

Nur Bruchteil der Ideen verwirklicht

„Bisher können wir leider nur einen Bruchteil der Ideen verwirklichen, die wir gerne umsetzten würden“, sagt Thomas. Das Büro finanzieren sie bislang über Spenden. Deshalb arbeitet Olsson weiterhin als Journalistin und Thomas als Übersetzerin. „Die Nachfrage ist so groß, dass wir das auf ehrenamtlicher Basis kaum noch leisten können“, sagen die beiden.

Deswegen machen sie ein Crowdfunding und wollen Projektförderung beantragen. Es könnte ihnen helfen, dass sie im Mai mit einem „Blauen Bären“ ausgezeichnet wurden – einem Europapreis, den die Europäische Kommission und das Land Berlin gemeinsam vergeben.

Das GSBTB Community Team lädt für Freitag, den 18.9., um 19 Uhr zum Start der Crowdfunding-Kampagne ein (givesomethingbacktoberlin.com). Ort: Agora Collective, Mittelweg 50, 12053 Berlin-Neukölln. Dort tritt auch die Refugee-Band auf. Weitere Konzerte: 5.9. auf dem Festival gegen Rassismus, 6.9. Sommerfest Kranoldplatz, 17 Uhr, 27.9. Berliner Marathon. Infos: www.facebook.com/LomnavaBand

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