• Gemeinsame Sache in Tempelhof-Schöneberg 2016: Schöneberg: Die Harmonie soll weiter wachsen

Gemeinsame Sache in Tempelhof-Schöneberg 2016 : Schöneberg: Die Harmonie soll weiter wachsen

Das Integrationszentrum in der Katzlerstraße will mit Nachbarn den Zusammenhalt im Kiez feiern. Denn der ist in Zeiten knappen Mietraums wichtig geworden.

Jana Scholz
Kampf gegen die Räumung. Larissa Neu (rechts), Matthias Bauer und Cordula Muehr engagieren sich für das Integrationszentrum Harmonie in der Schöneberger Katzlerstraße.
Kampf gegen die Räumung. Larissa Neu (rechts), Matthias Bauer und Cordula Muehr engagieren sich für das Integrationszentrum...Foto: Florian Boillot/Davids

„Die Katzlerstraße hat eine tolle soziale Infrastruktur“, sagt Cordula Mühr vom Quartiersrat Schönberger Norden. Eine Moschee, ein Multikulti-Friseur, ein interkultureller Selbsthilfetreff, ein genossenschaftliches Wohnprojekt und ein Künstlerehepaar, das Kreativkurse für Kinder anbietet: Mit dem Integrationszentrum „Harmonie“ prägen sie die Straße in Schöneberg. „Die Straße ist wie eine Perlenkette. Das Integrationszentrum ist ein unersetzbares Glied darin“, sagt Mühr.

In den Räumlichkeiten in der Katzlerstraße 11 arbeitet der Verein „Harmonie“ seit sechs Jahren. Doch schon seit 1998 betreut das Integrationszentrum ehrenamtlich Aussiedler, Migranten und Flüchtlinge. Die Angebote sind auf die Bevölkerung abgestimmt; 60 Prozent der Menschen im Quartier haben einen Migrationshintergrund. In den Vereinsräumen finden neben Bildungsangeboten auch Lesungen, Filmabende und Ausstellungen statt. Doch in seiner Integrationsarbeit ist er nun bedroht durch eine Räumungsklage.

„Die Geschichte fing an, als letztes Jahr im August ein Stück einer Rigipsplatte von der Decke in die Vereinsräume fiel“, sagt Larissa Neu, seit 2000 ehrenamtliche Geschäftsführerin des Integrationszentrums. Der Vermieter wollte den Schaden erst nicht beseitigen. Erst im November wurde repariert. Zehn Tage später kündigte er. „Ich kann mir die Kündigung nur mit dieser Meinungsverschiedenheit erklären“, sagt Neu.

Allerdings hat der Vermieter gekündigt, obwohl die Eigentumslage des Wohnhauses nicht klar ist. Über Jahrzehnte war das Haus in der Hand der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima). Zusammen mit den Immobilien Katzlerstraße 10 sowie Großgörschenstraße 25 und 26 wollte die BImA es 2014 höchstbietend verkaufen, obwohl die Häuser in einem Gebiet mit sozialer Erhaltungssatzung liegen. Die Anwohner protestierten und gründeten die „Interessengemeinschaft Großgörschen- und Katzler“. „Je höher der Kaufpreis, desto höher hätten die Mieten werden müssen, um den Kaufpreis refinanzieren zu können“, sagt Mühr, die selbst im Kiez wohnt. Der Bezirk machte ein Kaufangebot, um die Häuser an eine der kommunalen Wohnungsbaugesellschaften zu übergeben. Doch der BImA war der angebotene Kaufpreis zu niedrig. Ungeachtet des bezirklichen Vorkaufsrechts und der Anwohnerproteste verkaufte die Bundesanstalt im Frühjahr 2015 an den Höchstbietenden – die Formica GbR.

Für Berlin sei der Fall damals neu gewesen, sagt Matthias Bauer vom Projekt „Mieten und Wohnen“ des Quartiersmanagements. Auch die Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) spricht von einem „Präzedenzfall“. Einen vergleichbaren Streit gab es danach um das Kreuzberger Dragoner-Areal, das die Bima im vergangenen Jahr verkaufen wollte. Hier stoppte der Finanzausschuss des Bundesrates den Verkauf.

Auch der Bezirk Tempelhof-Schöneberg fordert nun eine Rückabwicklung für die vier Immobilien, indem er sein Vorkaufsrecht geltend macht. Die Formica GbR ist daher nicht im Grundbuch eingetragen, die BImA weiterhin Eigentümerin. „Ich weiß noch immer nicht, ob die Kündigung überhaupt rechtmäßig ist“, sagt Neu. Die Räumungsklage gegen das Integrationszentrum ist vorläufig ausgesetzt, bis der Rechtsstreit zwischen der Bima und der Senatsverwaltung für Finanzen geklärt ist. Diese führt mittlerweile das Verfahren für den Bezirk und hat ihm so das Prozessrisiko abgenommen.

Cordula Mühr und Matthias Bauer kamen nach der Kündigung auf Neu zu. „Wir haben uns bemüht, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Aber aufseiten des Vermieters scheint es kein Interesse an einer Lösung zu geben“, sagt Mühr. Alle Fraktionen der BVV hatten sich einstimmig für den Verbleib des Vereins in den Räumlichkeiten ausgesprochen. Auch die Bezirksbürgermeisterin suchte den persönlichen Kontakt zum Vermieter, doch ein Gespräch lehnte dieser ab. „Wir wollen, dass der Verein in den Räumlichkeiten bleibt“, sagt Angelika Schöttler. „Der Bezirk schätzt seine Arbeit sehr. Als Träger von Migranten für Migranten ist er etwas Besonderes.“

Neben dem Rechtsstreit macht der Verein weiterhin erfolgreiche Integrationsarbeit. Seit 2013 sind hier zusätzlich sechs Integrationslotsen beschäftigt – ein von der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen gefördertes Projekt. „Wir haben in zweieinhalb Jahren rund 1 600 Menschen mit unseren Integrationslotsen betreut“, sagt Neu. Die Mehrheit von ihnen sind Flüchtlinge. Viele kommen aus vier Notunterkünften in Tempelhof-Schöneberg. Die Lotsen begleiten die Geflüchteten bei Behördengängen, bei der Wohnungs- oder Jobsuche. Die Integrationshelfer haben selbst Migrationserfahrung und sind mehrsprachig. „So können wir Missverständnisse mit Behörden vermeiden und den Flüchtlingen bleibt mehr Zeit für die Familie“, erklärt Neu.

Lotsen, Flüchtlinge und Nachbarn aus der Katzlerstraße werden am Aktionstag am 9. September mitmachen und die Baumscheibe vor dem Verein bepflanzen. „Wir wollen zeigen, dass wir eins sind und gemeinsam die Kiezkultur gestalten“, sagt Neu. „Denn wenn du etwas gestaltest, gehört dir ein Stück davon.“ Helferinnen und Helfer sind herzlich willkommen.

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