• Gemeinsame Sache in Tempelhof-Schöneberg 2017: "Ein multikulturelles Mehr-Generationen-Projekt"

Gemeinsame Sache in Tempelhof-Schöneberg 2017 : "Ein multikulturelles Mehr-Generationen-Projekt"

In der Ufa-Fabrik wächst Gemeinschaft, seit fast 38 Jahren. Sie ist Nachbarschaftszentrum, Kulturort, Schule und Ort für Geflüchtete.

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Ohne Engagement geht nichts. Gründungsmitglied Sigrid Niehmer, Renate Wilkening, Mitgründer Juppy und Florian Hinde (von links).
Ohne Engagement geht nichts. Gründungsmitglied Sigrid Niehmer, Renate Wilkening, Mitgründer Juppy und Florian Hinde (von links).Foto: Thilo Rückeis

Am Anfang war eine Vision: einen multikulturellen Ort für Kreativität schaffen, für künstlerische, gesellschaftliche Prozesse und Debatten. Das war das Ziel, als im Sommer 1979 rund 100 Menschen eine brachliegende Gewerbefläche im Süden Tempelhofs „in Betrieb“ nehmen, wie es Werner Wiartalla ausdrückt. Der 60-Jährige ist einer der technischen Leiter des Projekts, das als Ufa-Fabrik stadtweit bekannt ist. Bis in die 70er Jahre war es Standort der Ufa-Film Kopierwerke – danach verfiel das 18 500 Quadratmeter große Areal; es droht gar der Abriss.

30 Menschen wohnen in der Ufa-Fabrik

„Man kann sagen: Der Spirit hat Früchte getragen“, sagt Wiartalla. Über die Jahre ist die Ufa-Fabrik immer weiter gewachsen. Viele Vereine, Initiativen und Betriebe sind heute auf dem Areal angesiedelt. Rund 30 Menschen, darunter auch einige Kinder, wohnen in mehreren Häusern der Ufa-Fabrik, und 220 Menschen arbeiten dort täglich. „Wir sehen es allerdings nicht nur als Arbeit. Uns verbindet Kultur, die Kreativität, das soziale Miteinander. Es ist ein multikulturelles Mehr-Generationen-Projekt“, sagt Fridolin Hinde, der Geschäftsführer der Ufa-Fabrik. Der 33-Jährige ist auf dem Gelände aufgewachsen. „Hier wird zusammen gekocht, gegessen und gefeiert.“

Ein Schwerpunkt der Ufa-Fabrik ist das Nachbarschaftszentrum. „Damit unterstützen wir vor allem Kinder, Jugendliche und Familien, die Hilfe benötigen. Das fand vom Start weg großen Anklang“, sagt Renate Wilkening. Was vor 30 Jahren mit Kursen zur Geburtsvorbereitung und Schwangerschaftsgymnastik anfing, ist zu einem Motor für über 30 Projekte und Einrichtungen in Tempelhof-Schöneberg, teilweise auch über den Bezirk hinaus, geworden. Dazu zählen etwa vier Kitas, Freizeitclubs für Jugendliche, Projekte zur Inklusion, zur Sozialarbeit in Schulen, ein häuslicher Pflegedienst für Senioren.

Schon von Beginn an sei die Ufa-Fabrik ein Ort für Geflüchtete gewesen, sagt Wilkening. Als täglich viele hundert Flüchtlinge in Berlin ankamen, weitete auch das Nachbarschaftszentrum sein Angebot aus. Heute hat es ein Familienzentrum für Geflüchtete. „Hier geht es um Begegnungen“, sagt Wilkening: „Wir versuchen, die Menschen aus ihren Unterkünften rauszuholen, ihnen Teilhabe zu ermöglichen.“ 320 Menschen beschäftigt allein das Nachbarschaftszentrum heute. 100 weitere arbeiten ehrenamtlich mit. „Jeder kann irgendetwas und kann sich damit einbringen“, sagt Wilkening.

"Ein leichter Zugang zur Kultur, ein Zugang ohne hohe Schwelle"

Eine andere Säule ist das internationale Kulturzentrum. Zwei Theatersäle, eine Sommerbühne, Probestudios – fast täglich treten hier Künstler aus der ganzen Welt auf. Im vergangenen Jahr konnten Zuschauer über 150 verschiedene Produktionen sehen. Das Programm beinhaltet Theater, Musik, Kabarett und richtet sich an alle Altersklassen. Vormittags seien vor allem Schulklassen auf dem Gelände. Auch ein Kinderzirkus und ein Kindertheater gehören zum Programm. „Auf dem Kindercircusfestival können Kinder zwei Mal im Jahr zeigen, was sie bei uns gelernt haben“, sagt Fridolin Hinde: „Wichtig ist uns ein leichter Zugang zur Kultur, ein Zugang ohne hohe Schwelle.“

Das Zentrum unterstützt aber auch junge Talente, internationale oder universitäre Projekte, stellt Räume, Schlafmöglichkeiten und Ausrüstung zur Verfügung. Die Flüchtlingsströme der vergangenen Jahre haben auch das Kulturzentrum beeinflusst. Mehrere Projekte, Tanz- und Theaterstücke wurden zuletzt von Geflüchteten durchgeführt, in der Vergangenheit fanden auch Filmaufführungen zum Thema Flucht statt.

Auf dem Gelände befindet sich auch eine private Grundschule – die Freie Schule Berlin – von der Stadt und den Eltern finanziert. Rund 50 Kinder bis zwölf Jahre lernen hier in einem selbstbestimmten Rahmen. „Die Kinder sollen lernen, sich für etwas zu interessieren. Dann sind sie auch mit 150 Prozent dabei“, sagt Wiartalla. Direkt neben der Schule befindet sich ein Kinderbauernhof, der etwa Ponys, Schweine und Gänse beheimatet. Kinder lernen den Umgang mit den Tieren.

„Es ist ein gewachsenes Projekt, das nun natürlich mehr Pflege benötigt“, sagt Fridolin Hinde. An den Aktionstagen „Gemeinsame Sache“ sollen daher mit freiwilligen Helfern nun mehrere Außenwände des alten Filmbunkers gestrichen werden, in dem Erwachsene und Kinder Tanz- oder Trommelkurse besuchen können. Auch mehrere Beete auf dem Gelände werden wieder hergerichtet.

Die Aktion der Ufa-Fabrik findet am Sonnabend, 9. September, von 10 Uhr bis um 18 Uhr statt. Helfer sind herzlich willkommen. Bei Interesse bittet die Ufa-Fabrik um Anmeldung unter vorbestellung@ufafabrik.de.

Unsere Schwerpunktseite mit allen Aktionen und Artikeln zum Thema finden Sie hier: www.tagesspiegel.de/gemeinsamesache

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