Berlin : Gemeinschaftsgefühl gegen Lust auf Randale

Das Myfest hat sich in Kreuzberg als wirksames Mittel gegen die Gewalt bewährt. Auch diesmal zieht der ganze Kiez wieder mit

Tanja Buntrock

Flötenunterricht möchte die Frau, die ins Vereinszentrum „Kotti e.V.“ hereinschneit, publik machen. Doch für Flötentöne hat Silke Fischer jetzt keinen Nerv. „Können Sie nach dem 1. Mai wiederkommen?“, bittet die Mitorganisatorin des Myfestes in Kreuzberg. Anderes hat jetzt Vorrang.

Es sind nur wenige Tage bis zum Maifeiertag. Auch wenn das Programm steht, die feuerroten Plakate gedruckt sind – für die Organisatoren dreht sich momentan alles um das Myfest. Schließlich kann dieses von den Anwohnern und Geschäftsleuten im Kreuzberger Kiez organisierte Fest dafür entscheidend sein, ob auch der bevorstehende 1. Mai so ruhig und friedlich verläuft wie beim letzten Mal oder es den Krawallmachern doch wieder gelingt, Kreuzberg in Flammen zu setzen.

Das vierte Mal findet das vom Senat finanzierte Myfest nun statt. Neben Grillwürstchen wird auf 14 Bühnen von HipHop über Jazz, Rock, Punk und Reggae alles geboten, „was musikalisch möglich ist“. 70 Prozent der Geschäftsleute im Kiez und hunderte von Anwohnern machen mit. Ihr Ziel: Ein friedlicher 1. Mai. „Wir haben die Schnauze voll davon, dass der Kiez danach in Trümmern liegt“, sagt Senol Kayaci (31). Er betreut die Bühne in der Naunynstraße, „am Bullenwinkel“, dort, wo ganz früher mal die Bullen zusammengetrieben worden sind. „Die Tiere, nicht die Polizisten“, stellt Silke Fischer klar. Nicht ganz so weit zurück, sagt Senol, in den achtziger Jahren, als die Krawalle ihren Höhepunkt hatten, „da waren wir jung und fanden das spannend. Wir waren voller Frust“, erzählt er. Doch dann hat sich eine Art Mentalitätswechsel in Kreuzberg eingestellt. „Den Preis zahlen schließlich die Anwohner. Und auch die Kids, die bei den angezettelten Krawallen mitmachen“, sagt Fischer. „Die gehen dann nämlich in den Knast dafür.“

Davon will man die Jugendlichen mit einem „absolut geilen Bühnenprogramm“ abhalten. Viele der türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen werden als Ordner und Helfer eingebunden. „Wenn da einer in der Menge ist und sich vermummt, den ziehen wir raus“, sagt Senol. Und das Musikprogramm, bei dem sich alle beteiligen können, sei ein Anreiz für Jugendliche, die sonst auf dumme Gedanken kommen könnten. „Die haben bei den vorigen Festen ihre Freunde auf der Bühne singen oder breakdancen sehen, und tausende haben gejubelt“, beschreibt Senol. „Das wollen die dann auch erleben und unbedingt mitmachen.“ Gemeinschaftsgefühl gegen Lust auf Randale . „Störer sind nicht gewollt“. Da liegen die Myfest-Leute auf derselben Linie wie die Polizei. Auch dadurch, dass die Beamten „erstmal im Hintergrund bleiben und nicht mehr martialisch wie Robocops auftreten“, wie Fischer sagt, sondern ihre Anti-Konflikt-Teams mit Baseballkappen schickten, kehre eine entspannte Atmosphäre ein. Momentan sei das einzige Problem, dass nicht genug Myfest-T-Shirts in kleinen Größen bestellt worden sind. Und wenn dies das einzige Problem bleibt, dann wird es wieder ein gelungener Berliner 1. Mai.

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