Gemeinschaftsschule : Schluss mit Abschottung

Auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule und dem Ende der Trennung nach Leistungsfähigkeit: Ein erster Einblick in Konzepte und in neue Hoffnungen von Moabit bis Hellersdorf.

Susanne Vieth-Entus
Rütli
Vorfreude. Schülersprecher Merve Celiki und Hussein Faour stehen hinter dem Schulzusammenschluss in Neukölln. -Foto: Mike Wolff

BerlinDer Tag der Entscheidung rückt näher: 15 Schulen und Schulverbünde haben sich dafür beworben, Gemeinschaftsschule zu werden, und erwarten bis Ende November die Entscheidung des Senats. Viele von ihnen haben gute Chancen, ihre Konzepte umzusetzen, denen eines gemeinsam ist: Die Schüler sollen nicht mehr nach ihrer Leistungsfähigkeit getrennt, sondern zusammen in einem Klassenverband gefördert werden. Wie sie dieses Ziel erreichen und ob von Klasse 1 bis 13 oder nur von 7 bis 13 oder von 1 bis 10, bleibt ihnen überlassen.

Um die Bandbreite der Möglichkeiten und auch den Umfang der bereits begonnenen Veränderungen zu zeigen, haben wir einige der Schulen besucht.

NEUKÖLLN: RÜTLI-HAUPTSCHULE/HEINRICH-HEINE-REALSCHULE

Ein Haus – zwei Welten: So konnte man jahrelang das beschreiben, was sich zwischen der Rütli- und Heinrich-Heine- Schule abspielte, oder besser gesagt: nicht abspielte. Um Begegnungen weitmöglichst zu vermeiden, fing an der „Heine“ der Unterricht schon um 7.45 Uhr an, was gleichzeitig zu verschiedenen Pausenzeiten führte. Die Abschottung war derart radikal, dass die Heine-Schule sogar dann in der Anonymität blieb, als die Rütli-Woge durch das Land schwappte.

„Wir haben die gar nicht zu Gesicht bekommen“, sagt die 15-jährige Merve Celiki, wenn sie an diese Zeit zurückdenkt. Zusammen mit Hussein Faour, 16, ist sie Schülersprecherin der Heinrich-Heine- Realschule. Die beiden haben die Vergangenheit längst abgehakt und denken nun nach vorn. Und da liegt die Gemeinschaftsschule, die aus „Rütli“, „Heine“ und der benachbarten Schubert-Grundschule ein einziges großes Bildungshaus für Kinder von 6 bis 16 machen soll.

Merve, Hussein und weitere 80 Schülervertreter aller drei Schulen haben sich schon getroffen und Ideen ausgetauscht. „Es war schön, die Gedanken der anderen kennenzulernen“, sagt Merve. Die Fünftklässler haben auch schon den Chemieunterricht der „Großen“ an der Heineschule besucht. Eine gemeinsame Box-AG von Rütli- und Heine-Schülern gibt es auch. Längst machen sie gegenseitig die Pausenaufsicht, zudem können Rütli-Schüler „rüberkommen und beim Unterricht hospitieren“, berichtet Hussein. Er ist zwar schon in der 10. Klasse und wird die Gemeinschaftsschule nicht mehr erleben. Dennoch engagiert er sich für die Idee, „denn schließlich geht es ja auch um die späteren Generationen“.

Während sie in die Zukunft blicken und begeistert von den neuen Entwicklungen ihrer Schule berichten, sitzen Merve und Hussein im Zimmer ihrer Schulleiterin Cordula Heckmann. Ebenso wie Rütli-Rektor Aleksander Dzembritzki ist sie neu im Amt und nicht belastet von der alten Zeit der Abschottung. Ihr Gemeinschaftskonzept wurde bereits vom Neuköllner Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang als „die ausgewogenste und beste Bewerbung, die ich je gesehen habe“, gelobt. Wenn alles gut geht, kommt im Sommer 2008 erstmals eine ganze Klasse der Schubert-Grundschule geschlossen zu ihnen. Fest steht schon, dass sie auch den Musikschwerpunkt der Grundschule und die Bläserklasse weiterführen wollen.

„Ich bin stolz, in der jetzigen Zeit hier wirken zu können“, sagt Dzembritzki. Schon vor seiner Amtseinführung im Oktober 2006 war sein Interimsvorgänger Helmut Hochschild mit ihm herübergegangen zu Cordula Heckmann. Sie mussten nicht einmal über den Hof, denn die Schulen haben auf jedem Flur riesige Verbindungstüren. Kaum vorstellbar, dass sie jahrelang kaum geöffnet wurden.

MOABIT: JAMES-KRÜSS-GRUNDSCHULE/ MOSES-MENDELSSOHN-GESAMTSCHULE

Nicht Tür an Tür, sondern einen Kilometer voneinander entfernt liegen die Moses-Mendelssohn-Gesamtschule und die James-Krüss-Grundschule. Dennoch arbeiten beide seit langem eng zusammen – und wollen das auch dann fortsetzen, wenn sie nicht den Zuschlag für die Teilnahme an der Pilotphase bekommen. Verbindend wirkt unter anderem, dass sich beide Schulen auf die Integration behinderter Schüler spezialisiert haben, beide kooperieren mit freien Trägern, beide pflegen Anti-Gewalt-Projekte. „Wir haben in allen umliegenden Grundschulen nachgefragt, aber in der Krüss-Schule war die Resonanz besonders groß“, berichtet die pädagogische Koordinatorin Jutta Liesefeld.

Lehrerin Sabeth Schmidthals begrüßt vor allem die Möglichkeit, sich in den Hauptfächern besser abstimmen zu können: Bisher waren sie machtlos, wenn sie bei den neuen Siebtklässlern auf große Lücken etwa in Englisch oder Mathematik stießen. Wenn künftig die Mehrzahl der Kinder aus der Krüss-Schule kommt, kann man sich gezielt mit den dortigen Kollegen darüber abstimmen, was in den Hauptfächern erwartet wird. Die Leiterin der Grundschule, Uta Heyne, will zudem in Anlehnung an das intensive Arbeitslehreprofil der Mendelssohn-Schule künftig schon ab der vierten Klasse mehr Praxisbezug bieten. „Wir wollen, dass alle Kinder ausbildungsreif werden“, nennt Heyne ein Hauptziel der geplanten Gemeinschaftsschule.

TREPTOW: SOPHIE-BRAHE-REALSCHULE/ GRUNDSCHULE AM HEIDEKAMPGRABEN

Räumlich näher beieinander, aber inhaltlich noch nicht so verknüpft sind die Sophie-Brahe-Realschule und die benachbarte Grundschule. Auf den ersten Blick merkt man, dass hier noch viel zusammenwachsen muss: Während die Brahe- Schule dem Besucher weiß-gelb entgegenleuchtet, liegt die Grundschule daneben im schmutzigen Grau. Wegen des Geburtenrückgangs beherbergt sie nur eine Klasse pro Jahrgang und wird nur als Filiale der mehrere Straßen entfernten Schule am Heidekampgraben geführt.

Dennoch herrscht Aufbruchstimmung in beiden Schulen. Eltern, Lehrer und Schüler hätten bei geheimer Abstimmung zu 100 Prozent Ja zur Gemeinschaftsschule gesagt, sagt Andrea Brunn, die Leiterin der Brahe-Schule. Sie findet, dass „Stagnation viel schlimmer ist als ein Neubeginn – auch wenn er manche Unwägbarkeit mit sich bringt“. Zur Stagnation gehört für Brunn auch, dass man „die Selektion in Richtung Hauptschule“ hinnimmt. Damit wird es ein Ende haben, denn Gemeinschaftsschulen geben keine Schüler „nach unten“ ab.

Wenn alles gut geht und auch endlich Geld für die Renovierung der Grundschule fließt, könnte man in dem geräumigen Altbau sogar noch eine Oberstufe aufbauen.

HELLERSDORF: WOLFGANG-AMADEUS- MOZART-GRUNDSCHULE

Schulleiterin Sibylle Stottmeyer wundert sich nicht darüber, dass es gerade in sozialen Brennpunkten und im Ostteil bei Eltern viel Zustimmung für das Gemeinschaftsschulkonzept gibt. Wo viele arbeitslos und verunsichert seien, wirke es wie eine Erleichterung, wenn die Familien nach der sechsten Klasse nicht gezwungen seien, irgendwo eine weiterführende Schule zu suchen. „Die Eltern haben Beifall geklatscht, als ich die Pläne zur Gemeinschaftsschule vorgestellt habe“, berichtet die Rektorin. Vor allem für verhaltensauffällige Schüler sei der Schulwechsel in diesem Alter schwierig. Sogar etliche Schüler, die aufs Gymnasium könnten, wollten bleiben, denn „die lieben ihre Klasse“, sagt Stottmeyer. „Und wer es dennoch auf dem Gymnasium versuchen will und es nicht schafft, kann nach dem Probehalbjahr zurückkommen“, verspricht sie.

Eine Partnerschule braucht die Schule übrigens nicht, weil sich nebenan die Volkshochschule befindet. In deren Räume kann die Schule hineinwachsen, zudem will die Volkshochschule AGs wie Schwedisch, Japanisch oder Wirtschaftsenglisch anbieten. Und für die gymnasiale Oberstufe ist eine Kooperation mit dem Max-Reinhardt-Gymnasium geplant.

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