Berlin : Gen Mekka

Ein Ende in der Fremde? Muslime lassen sich lieber in ihre Heimat überführen

Sarah Tolba

In Berlin braucht Bahir Deniz Geduld im Job. Mindestens zwei Tage muss er auf etwas warten, das er in der Türkei in der Hälfte der Zeit erledigen kann. Bahir Deniz ist in Kreuzberg Bestattungsunternehmer für Muslime, einer von dreien in der Stadt. Eben hat er einen Beerdigungsauftrag erhalten. Nach islamischen Regeln müsste das Begräbnis innerhalb eines Tages geschehen. In Deutschland ist das unmöglich. Schon deshalb, weil der Leichnam erst mindestens 48 Stunden gekühlt werden muss – nicht der einzige Unterschied zwischen der islamischer Bestattung und der christlich-abendländischen.

Was geschieht, wenn alte Menschen islamischen Glaubens in ihrer zweiten Heimat Berlin sterben? „Die alten Leute werden meist an ihren Geburtsort überführt. In Berlin lassen sich vor allem die Jüngeren begraben.“ Das hat religiöse Gründe. Gräber von Muslimen sollen nicht nur fernab von Gräbern Andersgläubiger liegen, sie müssen auch in Richtung Mekka zeigen, damit das Gesicht des Toten in diese Richtung weist. Schon im Leben hat der Gläubige sich in diese Richtung gewendet, wenn er gebetet oder vom Wasser des Brunnen Zamzam getrunken hat. Aber auch, wenn der Tote aufgebahrt, wenn die rituelle Waschung – bei Männern von Männern, bei Frauen von Frauen – erledigt ist, sollte der Leichnam gen Mekka gerichtet sein. Die Gläubigen nehmen dann hinter ihm Aufstellung und verrichten das Totengebet.

Die islamische Bestattung ist in Berlin seit 1989 auf dem Landschaftsfriedhof Gatow möglich. Bis dahin wurden die Berliner Muslime auf dem Türkischen Friedhof am Neuköllner Columbiadamm bestattet, der 1866 gegründet worden war. Seine Kapazitäten waren aber schließlich erschöpft. Jetzt stellt man den Muslimen in Gatow eigene Trauerhallen und Waschräume zur Verfügung sowie separate Grabfelder. Doch der Sarg muss sein – ein Zugeständnis an die deutsche Friedhofsordnung. Die Gräber selbst sind meist schlicht, manche mit Grabstein oder Blumen. In ihrer Heimat werden Muslime in ein weißes Tuch gehüllt beerdigt. Ein ausgeprägter Gräberkult ist im Islam nicht erwünscht. Muslime glauben an ein Leben nach dem Tod. Je nachdem, wie gut der Mensch zu Lebzeiten war, wird seiner Seele die Zeit bis zum Tag der Auferstehung erleichtert oder erschwert.

Etwa 15 Aufträge bekommt das Bestattungsunternehmen von Bahir Deniz im Monat, ein großer Teil davon Überführungen. Da hat er am meisten mit organisatorischen Arbeiten zu tun. Und immer ist Eile geboten. Mehr als drei bis vier Tage sollten bis zur Bestattung im Geburtsland nicht vergehen. Für eine Überführung mit Erledigung aller Formalitäten nimmt Bahir Deniz durchschnittlich 2000 Euro. Um Flugtickets für Angehörige kümmern sich die Bestatter auf Wunsch – und gegen Aufpreis.

Sterbebegleitung, sagt Bahir Deniz, sei im Islam selbstverständlich. Freunde und Familienmitglieder blieben in den letzten Lebenswochen an der Seite eines Sterbenden. „Das zeigt den Zusammenhalt der Familie. Der Tod ist in solchen Kulturkreisen nicht so einsam wie hier. Und Sterbebegleitung gilt eben auch als gute Tat.“ Die Trauer der Familien sei intensiv und lautstark, sagt Deniz. Auch das sei anders als bei den beherrschten Deutschen. „Und je betroffener die Familie ist, desto mehr nimmt es auch uns als Außenstehende mit“, sagt Bahir Deniz. „Besonders, wenn die Verstorbenen Kinder sind.“

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