Berlin : Gendarmenmarkt: Nach den Handwerkern kommen die Sänger

Eva Schweitzer/Jörn Hasselmann

In diesem Jahr soll es weniger Rummel auf dem Gendarmenmarkt geben als im Vorjahr, verspricht der Bezirk Mitte. Aber in diesen Tagen sieht es dort wieder ganz anders aus. Obwohl der Bezirk dies nicht mehr erlauben wollte, ist der ganze Platz wieder für fast zwei Wochen mit Buden und Zelten vollgestellt. Noch bis zum 13. Juni feiern die Deutschen Handwerkskammern ihr hundertjähriges Bestehen auf dem Platz, der mit seinem klassizistischen Gebäude-Ensemble als einer der schönsten Europas gilt. Sind die Handwerker weg, kommen die Sänger. Vom 28. Juni bis 14. Juli ist der Platz durch das alljährliche "Classic Open Air" belegt.

"Noch einmal die Stelle, wo die Bläser einsetzen", ruft eine Stimme aus dem Lautsprecher. Vor den - noch - leeren Tribünen probt das Berliner Sinfonieorchester ein paar Takte aus Wagners "Meistersinger von Nürnberg" vor ein paar verirrten Touristen hinter den Absperrungen. Morgen abend wird die Kölner Gruppe BAP auftreten, am Sonnabend gibt es klassische Musik. Um die Bühne vor dem Schauspielhaus herum sind weiße Zelte aufgebaut, fast der ganze Platz ist gesperrt. Auf der Markgrafenstraße und der Charlottenstraße stehen Container und parken Lastwagen, dazu die dicken Übertragungswagen des SFB. Im Süden, an der Mohrenstraße, hat die Bewag den Asphalt aufreißen lassen. Eine einsame Bohrmaschine kreischt vor sich hin.

An diesem Morgen herrscht Ruhe vor dem Sturm. Vor dem "Hilton" steht ein gelangweilter Portier. Die Tore der beiden Dome, der Französische und der Deutsche, stehen offen, aber es sind erst wenige Besucher gekommen. Im Deutschen Dom ist die Ausstellung "Fragen an die Deutsche Geschichte" untergebracht. 400 000 Besucher kämen pro Jahr, sagt eine Mitarbeiterin, darunter viele Jugendgruppen aus Skandinavien, Frankreich, England, dazu Gruppen, die von Bundestagsabgeordneten eingeladen werden. Wie findet das Museum die Zeltstadt auf dem Platz? "So groß haben wir uns die nicht vorgestellt." Es gebe auch Beschwerden von verärgerten Touristen, die das historische Ensemble besichtigen wollten. Aber immerhin sei das Fest angekündigt gewesen. Es sei auch schon passiert, dass man morgens eine Bühne vor dem Bürofenster vorgefunden habe.

Auch die Bar "Newton" in dem ockerfarbenen Neubaublock an der Ecke zur Taubenstraße ist so früh morgens noch leer. Vielleicht, hofft man dort, bringe das Handwerkerfest Kundschaft. "Wird man sehen", sagt der Barmann. Weniger schön sei das Chaos auf der Straße und die lange Dauer der Aufbauarbeiten. Beim "Antiquariat am Gendarmenmarkt" ärgert man sich am meisten über die Lastwagen, die direkt vor der Schaufensterscheibe parken. "Und Parkplätze gibt es jetzt auch keine mehr", sagt eine Mitarbeiterin.

Seit Jahren ist die kommerzielle Nutzung des Platzes umstritten. Auch das Handwerkerfest hat das Bezirksamt nur mit "Bauchschmerzen" - und mit Abstrichen - genehmigt. Die Veranstalter wollten ein komplettes Fertighaus mit Giebeln und Satteldach neben dem Schiller-Denkmal aufstellen. "Damit war unser Limit jedoch überschritten", sagt Tiefbauamtsleiter Peter Lexen. Daraufhin waren die Handwerker beim Senat vorstellig geworden - und blitzten dort ebenfalls ab. Genehmigt wurde die Veranstaltung, weil die Konzerte gratis sind, wie die Organisatoren auch betonen. Für das Bezirksamt ist das ein wichtiges Kriterium.

Jedoch kollidieren sowohl die Handwerker als auch die nur gegen hohen Eintritt zu hörenden Classic-Open-Air-Sänger mit der so genannten Positivliste des Bezirksamtes. In dieser Liste hat der Bezirk seine Grundsätze für kommerzielle Nutzungen wichtiger Plätze formuliert. Demnach sollte keine Veranstaltung, die mit Auf- und Abbau länger als acht Tage dauert, genehmigt werden. Zwischen Veranstaltungen sollten vier Wochen liegen, "um eine Überlastung des Platzes und der Anwohner zu vermeiden". Beide Feste dauern länger, und zwischen beiden liegen nur zwei Wochen.

"Das Fest ist hart an der Grenze", räumt Lexen ein. In diesem Jahr hätten sich jedoch weit weniger Anlieger beschwert als in den Vorjahren. So bleibe nun die Markgrafenstraße für Anlieger frei. Im übrigen habe es seit dem Abbau der Eislaufbahn keine mehrtägigen Veranstaltungen gegeben. Und auch für den Herbst sei nichts Wesentliches geplant. Den Kunstmarkt "Grand Marche" zum Beispiel habe man diesmal nicht auf dem Gendarmenmarkt zugelassen, sondern zum Schlossplatz verwiesen. "Dort stand das Zelt auch gut", meint Lexen.

Auch eine Eislaufbahn wird es in diesem Jahr nicht wieder geben. Schon im vergangenen Winter war gegenüber dem Veranstalter betont worden, dass das Schlittschuhvergnügen zu Füßen Schillers eine einmalige Sache sei. Der damalige Landeskonservator Helmut Engel hatte sich über den "inflationären Ausverkauf von historischen Plätzen" erregt. Zudem war die Bahn nicht, wie geplant, am 2. Januar abgebaut worden, sondern erst am 31. Januar.

Feste am Gendarmenmarkt befürwortet auch die Berlin Tourismus Marketing Gesellschaft. "Ein Platz lebt nur, wenn er belebt ist", sagte Sprecherin Natascha Kompatzki. Das "Classic Open Air", aber auch das Handwerkerfest seien Höhepunkte für die Stadt; wie es im Winter die Eislaufbahn war. Auch die Hoteliers rund um den Platz freuten sich. Ein Passant gestern vor dem Schauspielhaus: "Handwerker haben diesen Platz nach dem Krieg wieder aufgebaut, nun sollen die Handwerker da auch feiern." Anderer Ansicht ist der Verein "Freunde, Förderer Gendarmenmarkt e.V.". Die Großveranstaltung der Handwerker missbrauche den Platz und riegele ihn ab, sagt die Vorsitzende, Ada Withake-Scholz.

0 Kommentare

Neuester Kommentar