Gendarmenmarkt : Schnörkellos schön

Der Französische Dom, ein Bauwerk der Calvinisten, ist eine schlichte Andachts- und Konzertstätte. Über die Treppe hinein – der Alltag bleibt draußen. Kantor Kilian Nauhaus stellt seine Kirche vor.

Christoph Stollowsky
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Ruhe finden bei Orgelmusik. In der Friedrichstadtkirche im Französischen Dom am Gendarmenmarkt lädt Kantor Kilian Nauhaus auch...

Ist das nicht eine schöne Lebensaufgabe? Seit 1987 spiele ich hier im Französischen Dom die Orgel. Ich liebe dieses Instrument und diese ungewöhnliche neobarocke Kirche. Sie strahlt so viel Ruhe aus. Deshalb bin ich auch nach 22 Jahren noch immer gerne hier als Kantor tätig.

Exakt 1855 Pfeifen hat unsere Orgel. Es war eine echte Herausforderung, als ich mit 27 Jahren hierherkam. Zur 750-Jahr- Feier Berlins hatte man den kriegszerstörten Französischen Dom wieder aufgebaut. Und nun sollte ich diesen besonderen Ort, zu dem damals viele Berliner aus Ost und West neugierig strömten, mit schönen Klängen füllen. Mein Studium der Kirchenmusik in Halle an der Saale hatte ich eineinhalb Jahre zuvor abgeschlossen. Nach dem Diplom bin ich einige Zeit als Assistent und Dozent an meiner Hochschule geblieben, dann wurde ich zum Französischen Dom gerufen. Es war meine erste feste Kantorenstelle.

Vom Gendarmenmarkt aus betrachtet, ist der Domturm mit seinen säulengeschmückten Portalen und der Haube ja absolut dominant. Den Turm ließ Friedrich der Große 1785 aus repräsentativen Gründen an die Ostflanke des viel älteren Gotteshauses anbauen, in dem wir uns hier befinden. Der Anbau sollte den Stadtplatz verschönern, hat aber bis heute keine geistliche Funktion. Deshalb ist es irreführend, wenn wir heute das ganze Ensemble wie üblich als Dom bezeichnen. Sakral genutzt wird nur dieses Kirchenschiff. Und das heißt offiziell Französische Friedrichstadtkirche. Gebaut wurde die Kirche Anfang des 18. Jahrhunderts für Glaubensflüchtlinge aus Frankreich. Die calvinistischen Hugenotten waren in ihrer Heimat verfolgt, in Preußen aber willkommen.

Wenn man die Friedrichstadtkirche von der Charlottenstraße aus betritt, führt schon der Aufgang über die neobarocke Freitreppe vom Alltag weg. Draußen die Hektik der Stadt, drinnen feierliche Ruhe. Ich finde diesen Kontrast bis heute immer wieder verblüffend. Damit möglichst viele Menschen diese Oase erleben können, hat unsere Kirchengemeinde das Konzept der Offenen Kirche entwickelt. Seither ist das Haus täglich, außer montags, von 12 bis 17 Uhr geöffnet. An den Werktagen gibt es ab 12.30 Uhr Andachten mit Orgelmusik und Lesungen.

Manchmal kommen nur drei Zuhörer, ein anderes Mal dreißig. Es gibt Stammgäste, oft ältere Menschen. Vom Büro Gestresste strecken in der Mittagspause in unseren Bänken die Beine aus, Touristen erholen sich vom Sightseeing. Auch viele junge Leute lassen sich entführen. Die Orgelstücke suche ich spontan aus, ganz nach Stimmung oder passend zur Lesung.

Dass die Kirche eine solche Aura hat, hängt mit der calvinistischen Strenge des französisch-reformierten Glaubens zusammen. Die Konzentration auf das Predigtwort soll im Vordergrund stehen, jede Ablenkung vermieden werden. Schauen Sie sich um: Es gibt keine Skulpturen oder Bildnisse. Die Rundbögen und Friese sind schlicht gehalten, die Farben zurückhaltend – mattgrün bis hellgrau. Durchs milchige Glas der hohen Fenster dringt gedämpftes Licht. Weniger ist oft mehr für die Selbstbesinnung.

Heute ist uns unverständlich, wie wütend die Calvinisten 1785 waren, als der Alte Fritz den Domturm direkt an ihre betont schlichte Kirche anbauen ließ. Aber der wirkt daneben auch wie ein üppig geschmückter Christbaum. Doch der König war schlau, er überließ ihnen Nutzungsrechte für den Turm – für immer. Das beruhigte die Gemüter. Und es gilt bis heute.

1906 hat man die Kirche neobarock umgebaut, die Zurückhaltung aber blieb. An diesem Umbau orientierte sich die Rekonstruktion nach dem Krieg. Heute wird unser Gotteshaus von der französisch-reformierten Gemeinde und von der Evangelischen Gemeinde in der Friedrichstadt genutzt. Und es ist Tagungszentrum der Evangelischen Akademie.

Auf der Orgelempore ist das Schnitzwerk des Prospektes von 1755 im Original erhalten. Oben umstrahlt ein goldener Kranz das Auge Gottes, eines der wenigen Schmuckstücke. Das Instrument stammt aus der Bautzener Orgelwerkstatt Eule. In ein paar Minuten spiele ich zur Mittagsandacht. Wer danach hinaustritt, kann noch einen schönen, wenn auch belebten Ort genießen: den Gendarmenmarkt. Aufgezeichnet von

Christoph Stollowsky

Dienstag bis Freitag beginnt um 12.30 Uhr eine 20minütige Orgelandacht. Dienstags ab 15 Uhr gibt es ein halbstündiges Orgelspiel. An jedem ersten Donnerstag im Monat, 20 Uhr, findet ein einstündiges Orgelkonzert statt und an jedem dritten Sonntag im Monat, 16 Uhr, eine Musikvesper.

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