Berlin : Generalbundesanwalt weist Vorwürfe der Alternativen zurück

Johannes Metzler

Auf den ersten Blick wirken die Türen, die im engen Hinterhof des Fahrradladens herumstehen, wie ganz normaler Sperrmüll. Erst bei einem Blick aus der Nähe fallen das zersplitterte Holz und die aufgebrochenen Schlösser auf - Spuren der mittlerweile vier Wochen zurückliegenden Ereignisse im Kreuzberger Mehringhof an der Gneisenaustraße. Am frühen Morgen des 19. Dezember hatten Einsatzkräfte der Polizei mit Unterstützung der Elitetruppe GSG-9 das Gebäude regelrecht gestürmt und nach Sprengstoff und Waffen durchsucht, die der inhaftierte Hausmeister Axel H. hier deponiert haben sollte.

Als die Beamten nach mehreren Stunden das Haus schließlich räumten, hinterließen sie im Mehringhof eingetretene Türen, heruntergerissene Wandverkleidungen und beschädigte Einrichtungsgegenstände - die Betreiber beziffern den Sachschaden auf über 100 000 Mark. "Dabei wurde nicht einmal eine Flasche gefunden, mit der man einen Molotow-Cocktail hätte herstellen können", machte kürzlich ein grüner Kreuzberger Politiker seinem Ärger Luft. Doch eine Dienstaufsichtsbeschwerde der Leute vom Mehringhof wies der Generalbundesanwalt in einer Stellungnahme zurück. Es lägen keine Verstöße gegen den "Grundsatz der Verhältnismäßigkeit" vor. Das gab gestern der Presseausschuss im Mehringhof bekannt. Außerdem wurde beschlossen, Geld für die Inhaftierten zu sammeln. Die Kosten für Anwälte und Reisen dürften monatlich bei rund 10 000 Mark liegen.

Auf den ersten Blick ist der Alltag in das Gebäude zurückgekehrt. An den Tagen danach, sagt eine Mitarbeiterin des Fahrradladens, habe das Telefon immer wieder geklingelt. "Viele haben gesagt: Wenn wir Euch nicht kennen würden, würden wir nicht mehr zu Euch kommen." Die Schlagzeilen in Zusammenhang mit der Polizeiaktion seien nicht gut für den Laden, weil die Kundschaft durchaus nicht nur alternativ sei: "Vom Punk bis zum Krawattenträger ist eigentlich alles dabei."

Im Buchladen "Schwarze Risse", in dessen Regalen linke Szene-Zeitschriften neben Romanen der Weltliteratur stehen, herrscht heute wenig Betrieb; zwei Kunden blättern in ausliegenden Büchern. "Uns hat es nicht so schlimm getroffen", meint die junge Frau, die hier arbeitet. Im hinteren Ladenteil ist die beschädigte Tür bereits ersetzt worden: "Die alte war nicht mehr zu retten." Auch Hohlräume in der Wand seien abgeklopft und untersucht worden.

Die schlimmsten Schäden im Mehringhof sind zwar bereits behoben. Doch der Schock über das Vorgehen der Polizei sitzt tief, und die Ruhe täuscht: In einigen Projekten herrscht Verunsicherung über die nächsten Schritte der Staatsanwaltschaft. Denn die Durchsuchung des Mehringhofs ist wahrscheinlich auf Aussagen des inhaftierten Kampfsportlehrers und mutmaßlichen Ex-Mitglieds der "Revolutionären Zellen", Tarek M., hin angeordnet worden, der seit seiner Verhaftung im November von der Kronzeugenregelung regen Gebrauch macht. "Tarek arbeitet mit der Staatsanwaltschaft die ganzen Akten aus den 80er Jahren auf", vermutet ein Kenner der Szene.

In einem kursierenden Flugblatt heißt es: "Man kann davon ausgehen, er reitet Leute rein, um seinen eigenen Hals zu retten." Für die nächsten Tage wird darum mit weiteren Vernehmungen gerechnet. Über Bekanntschaften, Verbindungen und Namen, die im Rahmen der Verhöre von Tarek M. gefallen sein könnten, wurde in den vergangenen Wochen im Mehringhof heftig spekuliert.

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