Berlin : Generation Goldgräber Chancen für Berlin

Mit der Kunst hat Joanna Kamm ihr Glück gemacht. Ihre Galerie behauptet sich mitten in Mitte, dem Quartier der jungen Aufsteiger

Nicola Kuhn

Solche Ausstellungsräume kann es eigentlich nur in Berlin geben, hier besitzen sie jenen unwiderstehlichen Charme: in einem Plattenbau, einem ehemaligen Jugendzentrum, wo der Passant im Schaufenster statt spielender Kinder nun Kunstwerke zu sehen bekommt. Gerade wegen dieser Vorgeschichte hat sich Joanna Kamm vor einem Jahr die Räume am Rosa-Luxemburg-Platz ausgesucht. Bei den Sanierungsarbeiten achtete sie umso genauer darauf, dass etwa die alten Heizungsverkleidungen erhalten blieben.

Wichtiger für die Identität des Ortes ist die Geschichtsträchtigkeit vor der Tür. Vis-à-vis befindet sich die Volksbühne, rechter Hand stehen die Poelzig-Bauten mit dem Kino Babylon. Trotzdem ist hier die Zeit nicht stehen geblieben. Mit dem Einzug der Galerien von Christian Nagel, Sönke Magnus Müller und Johann König (der allerdings weitergewandert ist), dem Schauraum der Sammlung Schürmann, dem unweit gelegenen Kunst-Buchladen „pro qm“ sowie der Bank von Michaela Meise, einer Skulptur im öffentlichen Raum, hat sich hier eines der Kunstquartiere in der Stadt etabliert. Joanna Kamm gehört zu dieser Galeristengeneration der Goldgräber, die Berlins Ruf als Kunststadt in den letzten Jahren legendär gemacht haben. Mit der Kunst hat auch die 38-Jährige ihr Glück gemacht. Zwar spielt sie noch nicht ganz oben mit, aber ihre Künstler haben internationales Renommee. Im letzten Jahr war sie mit Pavel Pepperstein in der Statement-Ausstellung der Art Basel vertreten, in diesem Jahr bringt sie Bernd Ribbeck dorthin mit. Die gebürtige Münchnerin bekennt sich mit dem Enthusiasmus einer Neueinsteigerin zu Berlin als Standort ihrer Galerie. „Diese Stadt hat Platz für Kunst“, sagt sie. „Hier kann auch jemand anfangen, ohne perfekt vernetzt zu sein. Denn wenn man gut ist, lässt Berlin einen hochkommen.“ In München, weiß sie, hätte sie viel mehr Kapital mitbringen müssen. Die günstigen Mieten in Berlin erlauben den Start.

So entdeckte Joanna Kamm den Beruf der Galeristin für sich eher en passant. In den Neunzigern studierte sie an der Humboldt-Universität Germanistik und Philosophie, schrieb eigene Texte, kellnerte in Clubs für den Lebensunterhalt. Ein Aushilfsjob in einer Galerie hat bei ihr „den Schalter umgelegt“. Plötzlich wusste sie: Diese Mischung – „einerseits die Bodenständigkeit, ein Unternehmen zu führen, andererseits die Zusammenarbeit mit Künstlern“, das war ihr Ding, daraus wollte sie sich eine Existenz aufbauen. 1998 gründete sie in der Linienstraße das „SSK“. Hinter den drei Buchstaben verbarg sich die Aufforderung „Sammeln Sie Kunst!“. Hier erlebte Joanna Kamm ihre Lehrzeit, kooperierte mit vielen jungen Künstlern, publizierte Kataloge. Zum Ritterschlag wurde die Einladung durch die Berliner Kunstmesse Art Forum mit einem eigenen Editionenstand.

Doch dann wollte sich die Junggaleristin weiter professionalisieren, mit weniger Künstlern intensiver zusammenwirken. Also gründete sie vor sechs Jahren ihre eigene Galerie in der Almstadtstraße. Damals war sie noch äußerster Vorposten der Galerien im Berliner Osten. Inzwischen hat sich das Wohnumfeld in der Spandauer Vorstadt weiter verändert. Bei ihrem Umzug vor einem Jahr an den Rosa-Luxemburg-Platz übernahm ein Accessoire-Laden ihre 70 Quadratmeter großen Räume an der alten Adresse. Der wiederum hatte die Alte Schönhauser Allee verlassen, weil dort die Mieten zu hoch geworden waren. Der Kiez der Kreativen verändert sich täglich.

Als Joanna Kamm sich als Selbstständige in der Almstadtstraße niederließ, ging sie mit sechs Künstlern an den Start. Heute betreut sie ein knappes Dutzend, darunter Albrecht Schäfer, Cornelia Schmidt-Bleek, Annette Kisling, Ulrike Feser. Gemeinsam sei allen eine gewisse Poesie, das Narrative, erklärt Joanna Kamm. Darin komme noch immer ihr literarischer Hintergrund zur Geltung. In der Arbeit von Guillaume Leblon, die sie bis vergangenen Sonnabend zeigte, ist Literatur sogar leibhaftig zu erleben. Der französische Künstler ließ aus Backsteinen eine Buchstabenwand anfertigen, die den Satz „Unser Bedürfnis nach Trost ist unersetzlich“ bilden. Er zitiert damit einen Buchtitel des schwedischen Schriftstellers Stig Dagermann, eine sehnsüchtige Note. Irgendwann dringt aus den Wänden im Raum Nebel, der sich am Boden verteilt. Spätestens da überkommt den Galeriebesucher das Gefühl der Wehmut.

Die Galerie Joana Kamm kann auch anders, das hat sie im vergangenen Jahr mit ihrer temporären Bar bewiesen. An jedem Abend stand ein anderer Künstler am Tresen und brachte sein Publikum – Künstlerfreunde, Kuratoren, andere Galeristen – mit. Um 21 Uhr musste das lustige Treiben allerdings enden – wegen der Nachbarn. „Außerdem ist das hier eine Galerie, keine Kneipe“, fügt Joanna Kamm nachdrücklich hinzu. Trotzdem passt das Bild der Bar mit Menschen, die zusammenstehen und reden. Denn auch das ist ein Spezifikum Berlins im Unterschied zu anderen Handelsmetropolen wie London und New York: Hier wird noch über Kunst gesprochen, es zählt nicht nur das Geschäft.

Alle Serienfolgen finden Sie im Internet unter www.tagesspiegel.de/chancen

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