Berlin : Generation Rolf

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Von Holger Wild

Die Zeiten, in denen hier ältere, aber desto besser situierte Herren ihren jungen (und desto passabler aussehenden) Favoritinnen den Champagner gleich flaschenweise ausgaben, sind wohl doch etwas länger her. Heutzutage steht im „Big Eden“ eine Flasche Martini für 19,50 Euro als teuerster Posten in der Karte. Auch „Oppenheimer Krötenbrunnen“, lieblich, soll den Geschmack des Publikums treffen – aber schon die 14,50 Euro dafür dürften im Etat der meisten Gäste nicht vorgesehen sein: Es treffen sich fast nur sehr junge Mädchen und ebenso halbwüchsige Jungen auf und an der Tanzfläche.

Will Rolf Eden seinen Traditionsschuppen, das 35 Jahre alte und angeblich an keinem einzigen Abend geschlossene „Big Eden“ am Ende deshalb verkaufen? Weil seine heutige Kundschaft nicht zahlungskräftig genug ist, um Gewinn zu bringen? Oder hat der 73-Jährige Charme-Schläger einfach endgültig keine Lust mehr auf derart junges Gemüse… – und was sollte es denn, eine Disko zu besitzen, wenn man selbst gar nicht mehr hingehen mag? Eden hat sich über die Gründe seiner Verkaufsabsicht bislang nur ausweichend geäußert: „Irgendwann muss einfach mal Schluss sein.“ Und dieses „irgendwann“ könnte, wie man hört, ziemlich bald sein. Schauen wir also noch einmal hinein: in jenes fast letzte Exemplar der aussterbenden Gattung „Ku’damm-Disko“.

Es ist Freitagabend und „Mega Single Dance Night“. Man hat sich ordentlich aufgebrezelt. Sieht aus, als sei Weiß bei „H & M“ die angesagte Modefarbe dieses Sommers. Die Mädchen machen auf Vamp, Lolita oder stilles, tiefes Wasser (mit Freundin); die Jungs dagegen scheinen einig, dass sich für sie nur ein Ausdruck gebührt: herablassende Coolness. Weil Single-Party ist, haben sich viele Papierherzen mit Nummern auf die Wäsche oder die Haut geklebt. Damit ihnen jemand an dem plüschroten Stand dahinten eine Botschaft hinterlegt. In so jungen Jahren – der Schnitt dürfte 18 kaum übersteigen – fällt der Zugang zum fremden Geschlecht ja nicht jedem so leicht, wie er vorgibt.

Also ist erst mal, aus sicherer Entfernung, Fleischbeschau geboten. Beiderseits der Tanzfläche sind Sitznischen gefüllt mit aufgedrehten Grüppchen; auch vom Tresen bietet sich eine gute Sicht. Auf Fernsehern läuft MTV und Viva, auf anderen sind alte Videos aus der Geschichte des „Eden“ zu sehen, Rolf Eden mit einem jungen Mick Jagger, bei irgendeiner Miss-Wahl anno Flokati, als hier noch Erwachsene hingingen und – ja, da sieht man’s: Old Rolf selbst noch die Hüften wiegte. Lange her. Doch vermutlich hat schon damals der Discjockey die Titel der Stücke einzeln angekündigt, ganz so, wie es hier immer noch üblich ist. Hier und in Dorfdiscos. Zum Ringelpietz laufen Charts-Hits, leichtverdaulich, kindgerecht und am Abend mehrfach wiederholt – nur die Getränke, die fließen nicht recht. Zur „Happy Hour“ von neun bis zehn kostet das 0,3er Bier drei Euro, die Cola ebenso. Danach sind’s je vier.

Vier Euro für Bier oder Cola. Wie viel kann sich der Durchschnitts-Azubi davon am Abend leisten? Benjamin Wolf, 19, mit drei Freunden aus Stein an der Traun in Oberbayern übers Wochenende in Berlin, ist einigermaßen erschüttert. „Auf die Happy Hour folgt die traurige Stunde“, konstatiert er trübe. Gestern, im „Matrix“, der Techno-Disco in Friedrichshain, da sei es geil gewesen, nämlich „billig und toll“. Aber das hier, dazu diese Musik: „Das ist nicht unser Style.“ Und wenn das vier Jungs aus Stein an der Traun in Oberbayern sagen – dann scheint sich dieser Laden wirklich überlebt zu haben. Im Toilettenbereich, der offensichtlich unverändert aus dem Eröffnungsjahr 1967 stammt, ist das Rauchen verboten. Auch das finden die Oberbayern daneben, und ihre Laune wird nicht besser dadurch, dass sie stattdessen auf dem Klo „Maoam“ kaufen können (0,45 Euro das Päckchen). Ein Bier leisten sie sich, trollen sich dann doch Richtung Tanzfläche. Es geht auf Mitternacht zu, jetzt fällt einem auch auf, dass dort hinten die zweite Reihe der Sitzecken sämtlich unbesetzt sind. Dass auch am Tresen nur hier und da eine vereinzelte Person sitzt, darunter ein begeisterter Franzose Anfang 30, am Hemd das Single-Party-Papierherz Nr. 0415. Er grinst die Bedienung an; die beachtet ihn nicht.

Andere sind dem Ziel ihres Abends deutlich näher gekommen. Frank zum Beispiel, 17 und aus Strausberg, hat gerade ein Mädel kennen gelernt. Sie trägt sehr enge Jeans und einen überbreiten Lackgürtel auf den Hüften. Er den Flaum eines Schnauzbarts auf der Lippe. Einmal im Monat, schätzt er, kommt er hierher. Oder er geht ins „Kontrast“ oder wie das heißt, diese Riesen-Disco an der A 4. Die Preise? „Ach, die nehmen sich nichts.“ Und warum kommt er her? „Warum? Na – find’ ick jut!“

Schon seltsam. Ein Laden, der immer älter wird, mit einem Publikum, das immer jünger geworden ist. Vielleicht ist dies der Grund, warum Eden verkauft: Jünger geht’s einfach nicht mehr. Höhepunkt des Abends ist eine Animiershow: Ein Mädchen nach dem anderen tanzt auf dem Podest; für den Beifall der männliche Menge. Und die Muster, nach denen sie Becken, Brüste, Beine, Haar bewegen – sind die von Hip-Hop-Videos und Fernseh-Softpornos. Zugegeben, sie sind noch in der Phase des Ausprobierens: ihrer Fraulichkeit und ihrer Wirkung auf Männer. Dennoch dürften kaum irgendwo in Berlin die Geschlechterrollen noch so unbedarft reproduziert werden wie tagtäglich in diesem Lokal des homme à femmes Rolf Eden. Die letzten Kunden, die der 73-Jährige Berufs-Playboy findet – sind Pubertierende. Frank, 17, steht immer noch neben seiner neuer Freundin. Wohlgefällig sieht er der blonden Jessie zu, die sich auf dem Podest über den Körper streicht. Wo wird er hingehen, wenn das „Big Eden“ nicht mehr ist? „Ins Ku’Dorf!“ Natürlich. Auch so ein Dinosaurier; doch mehr aus der Familie Ballermann. Mick Jagger ist dort nie gewesen.

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