Berlin : Generationswechsel

Der frühere Finanz- und Wirtschaftssenator Pieroth hat sich von der Politik verabschiedet / Czaja führt CDU Hellersdorf

Brigitte Grunert

Als sich Elmar Pieroth Mittwoch früh seine Abschiedsrede überlegte, „war ich an einer Stelle kurz vor den Tränen“. Das hatte mit der Erinnerung an die Glückseligkeit des 9.November 1989 zu tun. Es war Pieroths Geburtstag. In Warschau, wo er mit Helmut Kohl war, hörte er vom Mauerfall. Er konnte in seiner langen politischen Karriere viele Erfolge verbuchen, aber das war „die größte Stunde“. Vor dem Kreisparteitag der CDU Hellersdorf legte er Mittwochabend sein letztes politisches Mandat nieder. Er übergab den Kreisvorsitz nach sieben Jahren in die Hand des 27-jährigen Abgeordneten Mario Czaja. Die Förderung junger Talente war ihm immer ein Anliegen.

Was heißt Abschied? Pieroth engagiert sich für die „wirtschaftliche und menschliche Zusammenarbeit mit Mittel- und Osteuropa“. Dafür haben Elmar und Hannelore Pieroth vor zwei Jahren mit Unternehmern den Verein „Most“ gegründet. Most ist das russische Wort für Brücke. Zu den Aktivitäten gehören Praktika von Berliner Studenten aus Mittelosteuropa: „Das ist gut für den Aufbau der Exportgeschäfte.“

Am 9. November feiert der einst mächtige Wirtschaftssenator seinen 68. Geburtstag, in Marzahn natürlich. Er hat politische Weggefährten aus allen Parteien eingeladen, auch der PDS, aber nicht Gysi, diesen „Egozentriker“, der als Wirtschaftssenator „einfach hingeschmissen“ hat. Richard von Weizsäcker, der Pieroth 1981 aus dem Bundestag nach Berlin rief, ist Ehrengast. Pieroth will seiner Partei damit durch die Blume sagen, was sie braucht, um wieder auf einen grünen Zweig zu kommen: „Eine Nummer eins, die stark ist in Vision und Tatkraft und die von draußen kommt, wie damals Weizsäcker.“

Er kreidet es sich als „Mitschuld“ an, dass er sich in den letzten Jahren nicht um die CDU insgesamt gekümmert hat. Mit seinem Werk in Hellersdorf-Marzahn ist er zufrieden. Er freut sich über die vielen jungen Mitglieder, auch ehemalige SED-Mitglieder wurden aufgenommen. Pieroth beschwört den „Geist von Hellersdorf“ für das politische Zusammenwachsen“ von Ost und West: „Wir müssen die sozialistische Idee angreifen und nicht die Menschen beschimpfen“.

Der Berliner Wirtschaft ging es auch damals nicht gut, als er Wirtschaftssenator wurde. Er aber schaffte mit seinen sprichwörtlichen Gaben die Wende zum Besseren: Er sprühte vor Charme, Optimismus und Ideen. Na schön, die Opposition zählte die Arbeitslosen, er aber zählte die neuen Arbeitsplätze, immerhin 43 000 in acht Jahren. Das Gründerzentrum auf dem AEG-Gelände war sein Werk. Das rot-grüne Intermezzo 1989/90 musste er nicht auf der Oppositionsbank absitzen. Sofort nach dem Mauerfall hatte er nur noch in Ost-Berlin zu tun, zuerst als Berater von Lothar de Maizière, dann als einziger Wessi im Magistrat, als Wirtschaftsstadtrat.

Von 1991 bis 1998 gehörte er dem Gesamtberliner Diepgen-Senat an, fünf Jahre als Finanzsenator, dann wieder als Wirtschaftssenator. Das Amt des Finanzsenators lag ihm nicht: „Ich habe gar nicht das Gesicht danach. Ich bin von Natur aus Unternehmer und Verkäufer.“ Von Sparen war wenig die Rede. Bis auf 7,5 Milliarden Mark stieg die Neuverschuldung 1994. War er zu harmoniebedürftig? Pieroth wehrt ab. Seine Finanzpolitik „war genau richtig“. Man habe doch in den Aufbau Ost investiert. Es ärgerte ihn, dass seine Nachfolgerin Annette Fugmann-Heesing (SPD) für das Kehren mit dem eisernen Besen so gelobt wurde: „Sie hätte 1991 auch anders gehandelt.“ Doch er gibt zu: „Ich hatte es beim Sparen schwerer mit der CDU als mit der SPD.“

Anders als erwartet, boomte die Wirtschaft nicht. Die Arbeitslosigkeit stieg, der Schuldenberg wuchs, der Senat kürzte Investitionen. Wirtschaftssenator Pieroth resignierte. Er strahlte erst wieder, als ihm Diepgen endlich den Rücktritt gestattete. Für Diepgen war er dann noch der persönliche Osteuropa-Beauftragte. Er reiste kontaktfreudig herum und verteilte Visitenkarten in kyrillischer Schrift.

Abschied von Berlin nimmt der RheinlandPfälzer nicht. Seit 20 Jahren wohnt er mit seiner Frau Hannelore traumhaft schön am Wannsee. Zwei bis drei Tage in der Woche ist er in Burg-Layen bei Bingen. Dort hat er das väterliche Weingut zu einem Weltunternehmen ausgebaut. Aus fünf Mitarbeitern wurden 4500. Dort organisiert er nun den Generationswechsel. Die Kinder übernehmen. Sechs haben Pieroths. Und zehn Enkel. „Demografisch gesehen zu wenig“, sagt er, „aber ich kann mich nicht mehr um alles selbst kümmern.“

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