Berlin : Genosse Boss

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Von Stephan Wiehler

Die großen Hellseher der Weltgeschichte kennen das Problem: Wenn die Stunde der Revolution gekommen ist (meistens gegen fünf vor zwölf), dann tragen die entscheidenden Kräfte keine Uhr. Vorne, an der Frontlinie steht dann die einsame Schar der Avantgarde, die günstige Gelegenheit vor Augen, aber niemand steht hinter ihr. Und – zack! – ist die Zeit zum Handeln abgelaufen, und wieder einmal wird ein revolutionäres Subjekt ins Hospiz der historischen Bedeutungslosigkeit abgeschoben.

Es ist wohl die größte Tragödie der Menschheit, dass die großen Vordenker der Revolution meistens so weit vorausdenken, dass das Bewusstsein der kritischen Masse weit dahinter zurückbleibt und sich selbst nicht als handlungsmächtig zu erkennen vermag. Gregor Gysi macht gerade wieder diese Erfahrung. Auf der Schwelle zum Zeitalter der Globalisierung hat Berlins Wirtschaftssenator einen Blick in die ferne Zukunft gewagt und erkannt, wem sie gehören könnte: „Die kleinen und mittleren Unternehmen sind die natürlichen Bündnispartner der PDS. Das Problem ist, sie wissen noch nichts davon. Und die PDS weiß es auch nicht“, erklärte Gysi jetzt vor Wirtschaftsvertretern.

Da stehen sie also nun, die ahnungslosen kleinen und mittleren mittelständischen Unternehmer, glauben unbeirrt an das Evangelium der FDP von den niedrigen Steuersätzen und wissen nicht, dass sie es sind, die das Heft der Weltgeschichte in der Hand haben. Und die PDS, die heimliche Avantgarde zur Befreiung der Unternehmer aller Länder, setzt weiter auf Kleinkram, auf soziale Gerechtigkeit für die historisch ausgemusterte Klasse der Lohnabhängigen. Einsam ruft Gysi: Auf, Genossen, zu den Bossen! Doch der große Vordenker ruft vermutlich wieder außerhalb historischer Hörweite.

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