Eigentümer von heute wirken manchmal fast wie eine Jugendgang

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Gentrifizierung in Berlin : Investoren gegen Mieter: Da ist die Tür!
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Altbau-Charme. Das kann noch schöner werden, meinen Investoren - und damit besser zu vermarkten. Ohne Mieter.
Altbau-Charme. Das kann noch schöner werden, meinen Investoren - und damit besser zu vermarkten. Ohne Mieter.Foto: Anikka Bauer


ESKALATIONSSTUFE 3:TATSACHEN SCHAFFEN

Als Oleg Myrzak an einem Frühlingstag im vergangenen Jahr die Treppen zu seiner Wohnung im Hinterhaus der Gleimstraße 52 hoch steigt, will er sich gleich an den Schreibtisch setzen und an seinem Stück „Ödipus’ Klage“ arbeiten. Doch die Tür zur leeren Wohnung nebenan steht offen, und als Myrzak hineinschaut, entdeckt er auf der Blümchentapete eine grellpinke Botschaft. „2flg Tür“ steht da. Drumherum sind die Umrisse einer Tür gemalt, ziemlich groß und etwa genau dort, wo auf der anderen Seite der Wand Myrzaks ebenfalls ziemlich großer Schreibtisch seinen Platz hat. „Das war ein Fehler der Bauleitung“, sagt der Eigentümer gegenüber dem Tagesspiegel. „Da wurde eine Tür falsch eingezeichnet. So etwas passiert bei einem relativ großen Bauvorhaben mit etwa 2500 Quadratmetern schon einmal.“ Trotzdem hat sich Myrzak an diesem Tag nicht mehr auf sein Stück konzentrieren können. Und auch in den folgenden Wochen arbeitet er weniger an „Ödipus’ Klage“, sondern eher an etwas, das man „Olegs Kampf“ nennen könnte.

Von der Wohnungstür war nur noch verkohltes Holz übrig

Eines Nachts im September 2012 wird Myrzak, der bei seiner Freundin übernachtet, von einem Anruf geweckt. Sein Nachbar ist dran. Myrzak solle schnell nach Hause kommen. Als Myrzak in die Gleimstraße einbiegt, sieht er seine Nachbarn in Schlafanzügen vor dem Haus stehen, als veranstalteten sie eine große Pyjamaparty auf der Straße, wären da nicht ihre erschrockenen Gesichter und die ganzen Polizisten. Seine Wohnungstür habe gebrannt, erfährt Myrzak. Langsam steigt er die Stufen in den ersten Stock hinauf. Er hat Angst davor, was er zu sehen bekommen wird. Doch dann staunt er eher über das, was er nicht sieht. Von der Tür, die bisher seine Wohnung verschloss, ist kaum etwas übrig außer einem Haufen von verkohltem Holz. Es wird Anzeige wegen Brandstiftung erstattet, Spuren, Anhaltspunkte, wer der Täter sein könnte, finden sich keine. Wer es war, der ihm so schaden oder zumindest einen Schreck versetzen wollte, darüber rätselt Myrzak bis heute.

Oleg Myrzak, Mieter in der Gleimstraße 52, Prenzlauer Berg
"Ich bin geschieden, ich bin kein besonders erfolgreicher Regisseur, die Wohnung ist alles, was ich habe." - Oleg Myrzak, Mieter...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Im Oktober 2012 wird im Zuge der Modernisierungsarbeiten vor das Abluftrohr von Myrzaks Gasheizung eine Wärmedämmplatte gesetzt. Myrzak kann nun nicht mehr heizen. Im November 2012 erstellt ein Mitarbeiter des Bezirksamtes nach einem Besuch in der Wohnung folgendes Mängelprotokoll: Türöffner defekt, Außenwandgasheizer im Wohnzimmer funktioniert nicht, provisorische Eingangstür entspricht nicht Berliner Bauordnung, Elektrikanlage im Flur ist außer Betrieb, nicht unerhebliche Rauchspuren, nachhaltiger Brandgeruch. Darauf angesprochen, dass manche Mieter den Eindruck hätten, sie würden absichtlich schikaniert, sagt der Eigentümer: „Wenn bei so umfassenden Sanierungen mal ein Handwerker hier und dort einen Fehler macht und der Mieter sich dadurch gestört fühlt – das ist doch völlig klar. Aber das ist in meinen Augen kein Mobbing.“´

Ist man in einer Lage wie Myrzaks nicht versucht, die Briefe des Mietmanagers wieder hervorzuholen? In einem seiner Schreiben hatte er über den Fortschritt der Modernisierungsmaßnahmen informiert und hinzugefügt: „Für den Fall, dass Sie diese sehr umfangreichen Bauarbeiten nicht über sich ergehen lassen bzw. die Mieterhöhung nicht tragen wollen, darf ich Ihnen im Namen des Eigentümers (...) die einvernehmliche Aufhebung des Mietvertrages bei gleichzeitiger Zahlung einer Abfindung anbieten.“ Eine fertige Vereinbarung steckte im Umschlag. 6500 Euro waren Myrzak darin geboten worden, 2000 Euro bei Vorlage eines neuen Mietvertrages, den Rest bei Übergabe der Wohnung, einschließlich der Schlüssel. Es gab eine Klausel, dass Stillschweigen gewahrt werden müsse, und ansonsten: „evt. anfallender Sperrmüll (kein Sondermüll) kann nach Abstimmung in der Wohnung verbleiben und wird auf Kosten des Eigentümers entsorgt.“ Unter der Zeile, in der Myrzak unterschreiben soll, steht schon sein Name.

Eigentümer: Wir kommen nicht mit der Brechstange

Aber Myrzak will nicht unterschreiben, und er will auch nicht schweigen. Er beschäftigt sich nun weniger mit Theater und mehr mit Politik. Besucht die Sitzungen der Bezirksverordnetenversammlung und geht auf Mieter-Demos. Wenn man ihm begegnet, raucht er Kette und hat einen Aktenordner dabei, darin sind die Briefe vom Mietmanager, von der Hausverwaltung und vom Anwalt des Eigentümers. Es ist ein sehr dicker Ordner.
Auf den Fall angesprochen sagt der Eigentümer: „Herr Myrzak ist derjenige, der am lautesten kräht.“ 14 Wohnungen hätten in der Gleimstraße schon leer gestanden, als er das Haus gekauft habe. Mit allen Mietern, die es noch gab, habe er sich einigen können, nur mit Myrzak und einer anderen Partei nicht. „Wir kommen nicht mit der Brechstange. Deswegen haben wir in der Gleimstraße sozialverträgliche Mietverträge abgeschlossen. Und wer das nicht möchte, bekommt eine Auszugsprämie. Und um das auch einmal deutlich zu sagen: Es gibt auch Mieter, die klappern so lange, bis die Auszugsprämie in ihrer Wunschhöhe ist und gehen dann.“

Tatsächlich hat Myrzak alles abgelehnt, auch die Vermittlungsversuche des Bezirksamtes, das im Sommer 2012 eine Vereinbarung mit dem Eigentümer geschlossen hatte, die den Mietern, so sagt der Pankower Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Jens-Holger Kirchner (Grüne), ein Rückzugsrecht nach der Sanierung sicherte und eine Miete von fünf Euro pro Quadratmeter für die nächsten drei Jahre festlegte. Myrzak sagt, ihm habe das Vertrauen gefehlt, dass er am Ende wirklich zurückkehren dürfe. Seine Anwältin bekam am 28. November 2012 Post vom Anwalt des Eigentümers: Sie erbäten die ausdrückliche Bestätigung, dass Myrzak auch bereit sei, die Modernisierungsvereinbarung abzuschließen, „wenn er nicht in die bisher innegehaltene Wohnung zurückziehen (...) kann“. Doch für Myrzak ist es unvorstellbar, woanders zu leben. „Ich bin geschieden, ich bin kein besonders erfolgreicher Regisseur, die Wohnung ist alles, was ich habe.“

In den Anzeigen, mit denen die Makler die Gleimstraße 52 beworben haben, kommt Oleg Myrzak vor, zumindest indirekt. Vom „kulturellen Miteinander im Gleimkiez“ ist da zu lesen. Es sind Kreative wie Myrzak, die Prenzlauer Berg diesen Ruf eingebracht haben. Nun haben sie ihre Schuldigkeit getan, nun sollen sie gehen. So empfindet Oleg Myrzak das zumindest.

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