Modernisierungskarawane ist längst nach Tiergarten, Kreuzberg und Neukölln gezogen

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Gentrifizierung in Berlin : Investoren gegen Mieter: Da ist die Tür!
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Altbau-Charme. Das kann noch schöner werden, meinen Investoren - und damit besser zu vermarkten. Ohne Mieter.
Altbau-Charme. Das kann noch schöner werden, meinen Investoren - und damit besser zu vermarkten. Ohne Mieter.Foto: Anikka Bauer

So etwas passiert nicht nur in Mitte und Prenzlauer Berg – längst ist die Modernisierungskarawane weiter nach Tiergarten, Kreuzberg und Neukölln gezogen. Der Bedarf ist groß: Junge Familien, in denen Vater und Mutter arbeiten, wollen nicht mehr wie früher in der Peripherie, sondern in der Innenstadt wohnen, mit kurzen Wegen zum Arbeitsplatz, mit Kindergarten und Schule im täglichen Aktionsradius. Und wenn sie einen Kredit benötigen, bekommen sie den zurzeit für so niedrige Zinsen wie selten. Das Ergebnis: Noch nie wurden in Berlin so viele Eigentumswohnungen verkauft wie in den ersten sechs Monaten vom Jahr 2012.

ESKALATIONSSTUFE 2: POTENZIELLE KÄUFER SCHAUEN VORBEI

Sie sind eigentlich gar nicht so anders, die Leute, die da im Frühling 2012 in Katrin Rothes Wohnung kommen. In manchen erkennt sich die Filmemacherin und Grimme-Preisträgerin fast wieder. Junge Paare im Familiengründungsmodus sind es, nett noch dazu, ziehen sogar die Schuhe aus, wenn Katrin Rothe sie darum bittet. Wandern weiter auf Strümpfen umher, fragen, ob sie vielleicht mal das Fenster öffnen könnten.
Der Friedhof, auf den man von der Bergstraße 62 aus blickt, hatte es Katrin Rothes Freund gleich angetan, als sie sich die Wohnung ansahen. Rothe war sich nicht so sicher. Aber sie erwarteten ein Kind, also brauchten sie eine Wohnung, und die Wohnung hatte zwei Jahre lang leer gestanden, also brauchte sie Mieter, und so zogen sie ein. Es war das Jahr 1996, bald tobte ein kleines Leben durch die Zimmer gegenüber vom Friedhof, ein zweites folgte, die Bergstraße wurde ein Zuhause, und als der Freund auszog, die Söhne groß wurden, malte sich Rothe aus, wie sie später hier wohnen würde, „eine Alt-Damen-WG oder so“.
So weit ist es nicht gekommen. Katrin Rothe, immer noch ziemlich jung, kommt mit dem Fahrrad nach Berlin-Mitte gefahren. Sie wohnt inzwischen anderswo. Als Treffpunkt hat sie ein Café in einer Straße parallel zur Bergstraße vorgeschlagen, so als suche sie die Nähe, brauche aber zugleich etwas Abstand, um ihre Geschichte zu erzählen.

"Ich hätte mir vorstellen können, in dieser Wohnung alt zu werden. In einer Art Alt-Damen-WG oder so." - Katrin Rothe, Ex-Mieterin in der Bergstraße 62, Mitte.
"Ich hätte mir vorstellen können, in dieser Wohnung alt zu werden. In einer Art Alt-Damen-WG oder so." - Katrin Rothe, Ex-Mieterin...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Als Katrin Rothe in der Bergstraße einzieht, gehört das Haus einer jüdischen Erbengemeinschaft. Im Jahr 2012 wechselt der Eigentümer, dem neuen kann es nicht schnell genug gehen: Die Modernisierungsankündigung schickt er, noch bevor er im Grundbuch steht. Bald darauf bekommt Katrin Rothe Post von einer Maklerin. Rothes Wohnung, so schrieb sie, werde nun Kaufinteressenten angeboten, vielleicht als Anlageobjekt, vielleicht auch zur späteren eigenen Nutzung. Die Besichtigungen beginnen. Besonderes Interesse zeigen einige Besucher an einer Wand im hinteren Teil von Rothes Wohnung. „Und da geht’s dann also weiter?“, fragen sie. Rothe erfährt, dass die angebotenen Wohnungen andere Grundrisse haben als die bestehenden Mietwohnungen. Offenbar, sagt Rothes Anwältin, sei sich der Eigentümer ziemlich sicher, dass Rothe ausziehen werde. Sie solle Interessenten unbedingt mitteilen, wie es sich wirklich verhalte.

Maklerin erzählt Interessenten, dass die Mieterin bereits ausgezogen sei

„Sie wissen, dass ich hier wohnen bleiben will“, sagt Rothe deshalb zu den Leuten, die auf Strümpfen bei ihr herumtappen, und die meisten Kaufinteressenten ziehen ihre Schuhe schnell wieder an und suchen das Weite.
Im Mai bekommt Rothe vom Eigentümer eine Abmahnung. „Qualitative Fachgespräche mit den Interessenten während der Begehung der Wohnung sind ausschließlich von der uns von autorisierten Maklerfirma auszuführen“, steht darin. Von da an hat Katrin Rothe am liebsten ihre Anwältin Carola Handwerg dabei und sagt so wenig wie möglich, die vom Eigentümer autorisierte Maklerin dafür umso mehr. Sie berichtet den Kaufinteressenten, dass Katrin Rothe in Wirklichkeit schon ausgezogen sei. Manchmal kommt auch der Eigentümer zu Besichtigungsterminen mit. Was er laut Aussage von Mietern und Ex-Mietern bei solchen Zusammentreffen gesagt haben soll, darf in diesem Artikel nicht stehen. „Unser Mandant hat sich so weder wörtlich noch sinngemäß gegenüber Dritten geäußert“, schreibt dessen Anwalt, außerdem übernehme sein Mandant „gar keine persönlichen Verhandlungen mit Mietern“. Zumindest das sehen die Mieter ähnlich. Als Verhandlungen haben sie die Gespräche nicht empfunden.

Nach Ansicht des Eigentümers sind unzufriedene Mieter in seinen Häusern in der Minderheit. „Ich habe in der Mehrzahl anständige Mieter in meinen rund 250 Mietwohnungen, zu denen ich ein gutes Verhältnis pflege. Es gibt aber leider ein paar Splittergruppen an Mietern, die versuchen, eine Geschichte aufzubauen und damit eine möglichst große Auszugsprämie zu bekommen.“

An der Wand von Carola Handwergs Büro in Prenzlauer Berg hängt eine Fotocollage aus alten Fliesen und Tapeten. Sie wurde der Anwältin von einer Mietergemeinschaft, die sie vertreten hat, als Dankeschön geschenkt. Nach Abschluss der Modernisierungsarbeiten konnten sechs Parteien in das schick gemachte Haus zurückkehren. „Ein guter Schnitt“, sagt Carola Handwerg und wird im Gespräch mehrmals auf den Fall zurückkommen, vielleicht weil auch eine Mietrechtsanwältin keine unbegrenzte Frustrationstoleranz hat. Die Zeiten hätten sich geändert, sagt Handwerg. Vor der Finanzkrise hätten sich in Berlin stets die üblichen Verdächtigen vor Gericht getroffen, wenn Mietsachen verhandelt worden seien – immer wieder die gleichen Eigentümer, immer wieder die gleichen Anwälte, berechenbar bei aller Turbulenz. Und vor allem: „Man kehrte stets an den Verhandlungstisch zurück.“ Die Eigentümer heute seien anders, sagt Handwerg. Manchmal würden sie fast wie eine Jugendgang wirken. „Sie machen einfach los, ohne Rücksicht, ohne Ahnung vom Mietrecht. Und wenn man ihnen nicht erlaubt, etwas zu machen, tun sie es trotzdem.“

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