Gentrifizierung in Neukölln : Frau Döring blieb

Im Jahr 1930 zog sie, damals vier Jahre alt, mit ihren Eltern in die Wohnung im Neuköllner Schillerkiez. 83 Jahre später wohnt Frau Döring immer noch genau dort, wo sich alles andere über die Jahre immer wieder verändert hat.

von
Alt trifft auf neu im Neuköllner Schillerkiez. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Alt trifft auf neu im Neuköllner Schillerkiez.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Als sie einzogen, lebten in diesem Haus 75 Kinder. Ein Traum, denn sie war gerade vier Jahre alt. 76 wuchsen dort also auf, zogen fort, starben. Nur sie ist geblieben. Frau Döring wohnt im Neuköllner Schillerkiez, im selben Haus, in derselben Wohnung seit nunmehr 83 Jahren. Im vergangenen Dezember ist sie 87 geworden. Als die Hauseigentümer vor Jahren auch ihre Wohnung sanieren wollten, winkte sie ab. Nicht hier, nicht mit ihr, alles von links nach rechts räumen und wieder zurück, das ganze lange Leben auf den Kopf stellen, entrümpeln, nee, sagt Frau Döring und schüttelt den Kopf. So blieb alles, wie es ihr am liebsten ist; wie es war.

Die Handwerker arbeiteten an ihr vorbei und um sie herum. Sie renovierten die Wohnungen nebenan, die über und die unter ihr. Dem alten Haus verpassten sie einen Anstrich, etwas Helles. Eine Weile fiel es sogar auf, so freundlich zwischen all den heruntergekommenen Gebäuden mit ihren dunklen Fassaden. Inzwischen steht es so herausgeputzt nicht mehr allein. Es tut sich was.

Frau Dörings Nachbarschaft ist ein rechteckiges Stückchen Nord-Neukölln, begrenzt von der Hermannstraße im Osten, dem ehemaligen Tempelhofer Flughafen im Westen, im Norden und Süden von der Flughafen- und der Leinestraße. Auf Luftbildern sieht die Gegend aus wie eine große, in silbergrünes Papier verpackte Tafel Schokolade, gekästelt in Blockbauweise, die Straßen so gerade, dass sich nicht mal ein Betrunkener verlaufen könnte, von denen es hier mal viele gab. Bis mit dem Fall der Mauer und den Plänen zur Schließung des Flughafens langsam begann, was manche im Viertel als Chance betrachten, andere als Untergang und was sich am neutralsten wohl mit dem Wort "Entwicklung" beschreiben lässt. In etwa könnte man sagen: Von dem Zeitpunkt, an dem Frau Dörings Leben begann, immer langsamer zu werden, legte es draußen erst richtig los. Dass Frau Döring nicht sagen möchte, wie sie wirklich heißt, dass sie Angst hat, ihre genaue Adresse preiszugeben, hat auch damit zu tun. Seit etwa drei Jahren kommt sie nicht mehr viel aus dem Haus. Treppe runter ginge ja noch, aber wieder hoch, das ist fast unmöglich geworden und nur mit Hilfe noch machbar. Feste klingeln muss man - und kurz warten, bis eine kleine, zierliche Frau die Tür öffnet, der Kopf kaum höher als der Türgriff, was auch ein bisschen daran liegt, dass sie leicht gebeugt geht. Aber nur ein bisschen.

Frau Döring ist so klein, dass die, die sie lieb haben, Ömchen sagen, mit gespitzten Lippen. Als wäre Oma schon zu groß. 99 Zentimeter maß sie, als sie Anfang der 1930er Jahre in einer Mädchenschule auf der Schillerpromenade eingeschult werden sollte. Zu klein, sagte der Direktor. Die Mutter insistierte. Langsam wuchs sie über die Jahre auf immerhin fast einen Meter fünfzig, nun wächst sie wieder gen Boden, sozusagen, altersbedingt. Von ihren drei Zimmern bewohnt sie aus praktischen Gründen nur noch eines wirklich, die Stube, direkt neben dem Bad. Und so hat sie ihre schöne Wohnung, durch einen Wanddurchbruch irgendwann gegen Mitte des vergangenen Jahrhunderts offiziell vergrößert, wieder auf Maße geschrumpft, die sie hatte, als Familie Döring einzog, 1930: ein Zimmer plus Küche.

In diesem Zimmer sitzt Frau Döring nun. Ein zartes Persönchen in einem breiten Sessel. Sie trägt einen rosafarbenen Pullover und ihr schneeweißes Haar kurz geschnitten. Frau Döring winkt nur ab, aber sie ist eine schöne alte Dame, die mit eleganten Händen sortiert, was sie vorbereitet hat. Notizen, eng beschriebene Zettelchen, Fotos und Dokumente. Auf dem Wohnzimmertisch liegt, verblichen und vergilbt, in eigentümlich länglichem Format, der erste Mietvertrag der Eheleute Döring mit der damaligen Eigentümerin des Hauses. Unterzeichnet am 17. November 1930, Quergebäude, 2. Treppe Mitte, 32,25 Reichsmark im Monat. Ein Quittungsheft liegt bei. Bis in die 40er ist dort verzeichnet, dass die Eltern regelmäßig ihre Miete zahlten, gestiegen ist sie in der Zeit nicht. Jetzt aber, mal wieder. "Gerade", sagt Frau Döring, "war jemand da wegen Mieterhöhung." Sie hat die Zettel zu den Unterlagen gepackt, weiß noch nicht, was sie damit anfangen soll, eine Bekannte wird die Tage mal draufschauen. Verrückt, was diese Wohnungen kosten. Das Haus, in dem sie wohnt, gehört inzwischen einem englischen Investor. Sie möchte nicht verraten, was sie zahlen muss. Aber über ihr und unter ihr, das weiß sie, liegt die Miete bei rund 800 Euro im Monat, was offensichtlich weitaus mehr ist, als sie zu zahlen bereit wäre, gar: zahlen könnte. Frau Döring schüttelt den Kopf. "Wer will denn hier leben?" Viele.

Laut einer Studie der Topos-Stadtforschung aus dem Frühjahr 2012 sind in den Jahren seit 2009 besonders häufig sogenannte "Pioniere" in den Schillerkiez gezogen. Das klingt nach Abenteuer, und vielleicht kommt es manchen von ihnen auch so vor. Denn viele Pioniere sind Studenten, Auszubildende oder Künstler. Geld brachten sie keines. Aber sie reduzierten den noch vor Jahren beachtlichen Leerstand im Gebiet auf einen Berlintypischen Durchschnitt. Sie füllten den Schillerkiez auf.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben