Berlin : Georg Donderer (Geb. 1933)

„Du bist zwei Jahrhunderte zu spät geboren“

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Nein, so geht das nicht, ich habe von Haltung gesprochen, du aber hockst da wie ein Fragezeichen. Hol den Eimer!“ Georg läuft mit gesenktem Kopf über den Perserteppich, vorbei am Steinway-Flügel, kommt wieder mit einem Eimer voll Wasser und einem Brett, legt das Brett auf den Eimer, setzt sich darauf, mit seinem Cello zwischen den Knien, und versucht erneut, den Mittelteil der Beethoven-Sonate zu spielen, hoffend, dass sein Lehrer diesmal zufrieden ist, Rudolf Hindemith, ein unter der Berühmtheit seines Bruders Paul leidender Komponist und Dirigent. Vor allem muss er auf seine Haltung achten, den Rücken gerade, die schmalen Arme in der richtigen Höhe halten. Schwankt er ein wenig, kippt das Brett und er rutscht ins Wasser.

Georgs Vater, Solotrompeter an der Münchner Staatsoper, schaut dieser Methode eine Weile zu, ohne Strenge ist noch keiner ein großer Musiker geworden – aber das hier geht zu weit. Er feuert Hindemith, Georg übt bei einem anderen, milderen Lehrer weiter, und er wird später trotzdem sagen: „Mein Cello trug die Spuren meiner Tränen.“

Die klassische Musik war und blieb das Wichtigste in diesem Leben. In Georg Donderers Sammlung gab es nur eine nicht klassische Aufnahme, eine Platte des „Modern Jazz Quartet“, und seine Kollegen im Orchester sagten: „Du bist zwei Jahrhunderte zu spät geboren.“ Joseph Haydn gehörte zu seinen Helden, das Barock-Steife, Ernste in dessen Musik entsprach seinem Wesen. Nie trank er so viel, dass er auch nur den sanften Beginn eines Rausches hätte spüren können, nie rauchte er eine Zigarette. Musizierte er zu Hause mit seinen Kindern, waren Witzchen untersagt, spielte eines mal absichtlich zu laut, absichtlich falsch, mahnte er: „Reiß dich zusammen!“ Probierte sein ältester Sohn über Stunden Carlos Santanas „Samba Pa Ti“ auf der Gitarre, sagte er: „Ich möchte einmal erleben, dass du Cello so übst wie diesen Mist.“ Die Neue Musik spielte er nur, weil sie zum Repertoire gehörte. Sein Running Gag während der Proben: „Ach, dieses Stück haben wir letztes Jahr schon gespielt, da hieß es nur anders und war von einem anderen Komponisten.“ Humorlos war er also keineswegs, bei seiner Erscheinung im Stil eines englischen Landadeligen, groß, Cordhose, Strickjacke, gute Schuhe, rechnete man nur nicht damit, dass er etwa einem Geiger ein Stück Papier, in dem zuvor ein reifer Käse eingewickelt war, unter den Kinnhalter schob und der dann eine ganze Aufführung in dieser üblen Luft durchzustehen hatte.

Georg Donderer hatte allerdings auch jenseits der Cello-Lehre harte Zeiten erlebt. Das Elternhaus in der Münchner Grillparzerstraße wurde 1942 von einer Bombe getroffen; mit neun musste er ohne Eltern die Stadt verlassen; sein Vater starb mit nur 54 Jahren, Renate, seine erste Frau, mit 28.

Immerhin, erfolgreich war er. Mit 18 ein erstes Engagement als Solocellist, ein Studium in Rom, ein erster Preis beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD, die Stelle als Solocellist beim Radio-Symphonie-Orchester in Berlin.

Außerdem hatte er Hanna getroffen, eine Flötistin, dann war Renate, eine Bratschistin, aufgetaucht, die, wie er sagte, „Hanna vom Platz fegte“. Ein Sohn wurde geboren und dann eine Tochter, aber da war Renate schon schwer krank.

Hanna hingegen war nicht vergessen, nie in all den Jahren, und so heirateten sie und bekamen einen Sohn. Kauften sich ein Sommerhäuschen am Lago di Ledro, denn Georg liebte Italien, die Kirchen und Fresken. Wäre es nicht die Musik geworden, hätte er Archäologie und alte Sprachen studiert.

1996 hörte er auf im Orchester: „Ich kann die Dirigenten nicht mehr ertragen“, deren Gerede bei mäßigem Können. Zufriedener weil freier war er immer in Quartetten.

Er reiste, las, ging ins Theater, wurde älter. Schlaganfall, Taubheit auf einem Ohr, Dialyse. Er litt. Aber es gab ja Hanna. Tatjana Wulfert

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