Berlin : Georg Krause (Geb. 1921)

„Na, Doris, kennste den hier noch?“ „Nee, wer soll dit sein?“

David Ensikat

Sehr viel über Krause, was der für einer war, kann man gar nicht sagen. Ein Stiller war er, ein Zuhörer, kein Erzähler, unwahrscheinlich höflich, lieber hat er dreimal Danke gesagt als einmal Bitte. Ein kleiner, runder Mann. Beim Fußball war er gut, damals. In der Jugendmannschaft der Schultheiss-Brauerei Friedrichshain war er Stürmer, so ein wendiger, der überall durchkommt. Weil er bei Schultheiss Fußball spielte, hat er auch bei Schultheiss angefangen zu arbeiten. Bierbrauer ist er geworden.

So wie sein Freund Günter. Der kam auch aus Friedrichshain, hat bei Schultheiss gespielt und dann gearbeitet. Und Günter kannte, so wie Krause, Friederike. Fritzi haben sie sie genannt.

Aber Günter war nicht klein und dick, sondern groß und schlank. „Ein Typ wie Gregory Peck“ sagt Doris, Günters Tochter. Das ist die Frau, die über Krause erzählt, Krauses nächste „Hinterbliebene“, obwohl sie, wie gesagt, Günters Tochter war, nicht Krauses. Sie sagt „Krause“, wenn sie von ihm spricht, und das klingt liebevoll. Krause war der einzige Mann, zu dem sie als Kind „Papa“ gesagt hat.

Das kam so: Fritzi verliebte sich nicht in den kleinen, runden Krause, sondern in den großen, schlanken Günter. Von dem bekam sie ihre Tochter Doris. Das geschah im Krieg – aus dem Günter nicht zurückkam. Krause kam zurück, 1950, nach der russischen Gefangenschaft. Und er lief zu Fritzi, um zu sehen, wie er sagte, was aus der Tochter seines toten Freundes geworden sei. Die war inzwischen acht. Fritzi war noch keine 30. Beide, Doris und Fritzi, waren Krause schnell sehr zugetan. Er zog bei ihnen ein, in die kleine Wohnung, in der auch Fritzis Mutter wohnte, er nahm seine Arbeit bei Schultheiss wieder auf und ließ sich von Doris auf den Fußballplatz begleiten und nach den Spielen ins Vereinslokal. Im Wohnungsflur spielte er mit dem Mädchen Fußball, er stand im Türrahmen und tat so, als könne er den Ball nicht halten. Fritzi, Doris’ Mutter, fand, dass sich so etwas – Fußball in der Wohnung – nicht gehöre. So kam es, dass Krause „Papa“ wurde.

Ein knappes Jahr hat das gewährt. Dann sah Doris ihren „Papa“ mit einer Frau, die eindeutig nicht ihre Mama war, Arm in Arm über die Landsberger Allee spazieren. Doris fand, dass sie das mit ihrer Mama besprechen müsse, und Fritzi fand, dass Krause in ihrer Wohnung nichts mehr zu suchen hatte. Krause fand, dass er in Ost-Berlin nichts mehr zu suchen hatte. Es soll auch politische Probleme bei der Arbeit gegeben haben; außerdem zog es die resolute neue Frau in Krauses Arm weit weg. Mit ihr begab er sich auf die andere Seite der Welt, die zu jener Zeit nur ein paar Kilometer entfernt lag, West-Berlin.

In Friedrichshain im Osten, bei Fritzi und bei Doris, ließ er sich nicht mehr blicken, über 20 Jahre lang.

Mitte der siebziger Jahre machte der West-Berliner Krause eine Bustour durch den Osten seiner Stadt. In Friedrichshain stieg er aus, lief durch die alten Straßen, kam an dem Haus vorbei, in dem Fritzi gewohnt hatte, damals mit Doris und mit ihrer Mutter. Er fasste sich ein Herz, und lief ins Haus hinein, da stand an der Tür noch das alte Namensschild.

Fritzis Mutter öffnete; sie erkannte Krause nach kurzem Zögern wieder: „Mensch, Orje, bist du dit?“ Fritzi kam von der Arbeit und brauchte etwas länger, um das Wesen und die Züge des Freundes aus der Jugendzeit und Einjahresgeliebten von 1950 wiederzuentdecken. Zu dritt liefen sie zu Doris, die längst woanders wohnte. Fritzi fragte: „Na, Doris, kennste den hier noch?“ – „Nee, wer soll dit sein?“ Dann schwiegen alle, und dann fing Krause an zu lachen. Das war das Lachen von damals, so hatte es geklungen, wenn Doris den Fußball gegen die Wand geschossen hatte und nicht in die Tür, in der er stand.

Zwischen Krause und Fritzi entstanden wieder zarte Bande. Jeden Sonnabend kam er hinüber, ein West-Onkel, ein besonders zuverlässiger. Mit der Frau, die Doris damals auf der Landsberger in seinem Arm gesehen hatte und mit der er in den Westen gegangen war, standen die Dinge nicht zum Besten. Sie erwartete vom Leben Abenteuer, für die Krause nicht geschaffen war. Nicht lange, nachdem er den Kontakt zu Fritzi aufgenommen hatte, verschwand die Frau auf Nimmerwiedersehen.

Krause arbeitete jetzt bei Kindl, was er da genau tat, weiß niemand mehr genau zu sagen, nur dass er zum Geburtstag immer einen Kasten Bier bekam, auch später, in der Rentenzeit. Sonnabends besuchte er Fritzi, und an einem dieser Sonnabende fragte er sie, ob sie ihn heiraten würde. Wer weiß, was sie da wirklich drauf geantwortet hat, sie schwor später, dass sie „Ja“ gesagt habe. Krause hat „Nein“ verstanden. Und meldete sich ein paar Jahre lang nicht mehr. Dann aber doch, und er fragte Fritzi noch einmal, und Fritzi sagte diesmal, so, dass er es auch verstehen konnte, „Ja“. Jetzt mussten sie nur noch kurz warten, bis sie Rentnerin wurde, damit die DDR sie ziehen ließ, zu Krause, der klein und rund und ziemlich ruhig war, aber doch viel besser als all die anderen Männer, die sie zwischendurch gehabt hatte.

Viel unbeschwerte Zeit blieb den beiden nicht, denn pünktlich mit 65 Jahren, kurz nach seinem Ausscheiden aus dem Brauereiberuf, ereilte Krause sein erster Schlaganfall, ein zweiter und ein dritter folgten. Er bekam einen Rollstuhl und Fritzi immer wieder den Rat, ihn doch ins Heim zu bringen. Sie hatte selbst Probleme mit der Lunge. Sie gab ihn nicht fort – und starb zwei Jahre vor ihm.

Jetzt ist auch Krause tot, ein kleiner, freundlicher Mann, kein Frauenheld. David Ensikat

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