Berlin : Georg Zinner (Geb. 1948)

Im Berliner Narrenkäfig wirkt der Bayer wie ein exotischer Vogel

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Am Tag seines plötzlichen Todes lag ein Buch auf seinem Schreibtisch, „Das Ende der Ego-Gesellschaft“, der etwas aufgeblasene Titel, „Wie die Engagierten unser Land retten“.

Sich engagieren, den Leuten helfen, dass sie sich selbst helfen können, Dinge selbst angehen, statt auf unbewegliche staatliche Apparate zu warten – darum ging es ihm. Georg Zinner, der 36 Jahre das „Nachbarschaftsheim Schöneberg“ leitete, eines der größten Sozialunternehmen Berlins, war kein Gutmensch – er war ein guter Mann, ein Kapitän, der sein Schiff mit ruhiger Hand steuerte, an Bord 1000 angestellte Mitarbeiter und fast 2000 Ehrenamtliche. 80 Projekte und Einrichtungen: Geburtsvorbereitung, Kita, Schule, Jugend, Angebote für Erwachsene, Senioren, Krankenpflege, Hospiz … Als wollte er die Passagiere durch alle Stationen ihres Lebens begleiten.

1978 übernimmt Georg Zinner den noch winzigen Verein in einem desolaten Zustand. In der Rembrandtstraße in Friedenau logiert das „Nachbarschaftsheim“ in einer dieser Berliner Riesenwohnungen, die an Bahnhofshallen erinnern. Ein seltsamer Laden, in dem das Leben tobt, ein wenig bürgerbewegt, ein wenig Sponti, auf jeden Fall chaotisch. Morgens: Kinderladen. Die Kindergärtnerinnen vertreten eine barocke Pädagogik und nehmen es mit den Uhrzeiten nicht so genau. Wenn sie verschlafen haben, nimmt die Putzfrau die Kinder in Empfang. Die Kleinen brüllen, die Eltern fliehen ins Büro. Nur der Chef toleriert keine Verspätung. Am Nachmittag kommen die alten Damen des Viertels zum Kaffeekränzchen hereingetrippelt. Am Abend tagt in einer dicken Rauchwolke die Skat-Truppe.

In diesem Narrenkäfig wirkt Georg Zinner wie ein exotischer Vogel. Ein katholischer Bayer. Ein Bauernsohn. Von seinem heimischen Altmühltal aus gesehen, wo er 1948 zur Welt kam, ist Berlin ein Sodom und Gomorrha. Er hat eine Banklehre gemacht, er war Diözesansekretär des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend. Die Schöneberger Spontis beeindruckt das wenig.

Aber auch er lässt sich von ihnen nicht beeindrucken. Er hat sein Soziologiestudium an der FU abgeschlossen und ein paar Jahre in der Abteilung Sozialwesen im Bezirksamt Neukölln gearbeitet. Das hat ihm den bürokratischen Rest gegeben, sagen seine Weggefährten. Er will Sozialarbeit machen und nicht einer staatlichen Großorganisation dienen.

Im Nachbarschaftsheim führt er ein völlig neues Wort ein: Professionalität. Schluss mit der Boheme in der Verwaltung, Schluss mit Ausbrüchen à la „Du pubertäres Arschloch hältst jetzt die Fresse!“. Der neue Chef hält das Portemonnaie fest in der Hand. Chaoten-Vereinen gibt der Staat kein Geld. Neue Leute werden eingestellt. Das „Nachbarschaftsheim Schöneberg“ kauft das Gebäude der Heilsarmee in der Fregestraße. In den Achtzigern kommt die „Sozialstation“ dazu, ein riesiger ambulanter Pflegebereich, später noch Kindergärten, Schulhorte, Kulturprojekte und das Hospiz in Steglitz. Aus dem idealistischen Kiezverein ist der große Tanker geworden, der auch in der schweren See der Sozialkürzungen Kurs hält.

In den letzten Jahren, als Georg Zinner häufig unter den Folgen seiner Nierenkrankheit leidet, sieht man ihn manchmal sanft lächeln. In Vorstandssitzungen trägt er die neuesten Zahlen der ehrenamtlichen Mitarbeiter vor und staunt: Alle diese Menschen arbeiten für uns ohne jede Bezahlung! Der bayerische Bauernsohn ist stolz auf sein großes, gutes Unternehmen.

Am 5. März ist er früh aufgestanden, um einen Blumenstrauß ins Krankenhaus zu bringen. Am 5. März 1989, vor genau 25 Jahren, war ihm hier eine Niere transplantiert worden. Dafür bedankt er sich bei den Pflegern und Ärzten. Am Abend dieses Tages stirbt er.

übersetzt von Elisabeth Thielicke

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