Berlin : George Bush wird Ehrenbürger

Michael Brunner

Zahlreiche Veranstaltungen zum Jubiläum - Michail Gorbatschow und Helmut Kohl als EhrengästeMichael Brunner

Es ist zehn Jahre her, da saß US-Präsident George Bush im Weißen Haus in Washington und hatte große Sorgen: Wie würde wohl die Sowjetunion auf die verrückten Nachrichten aus Deutschland reagieren? Am 4. November 1989 hatten auf dem Alexanderplatz unter den Augen der Staatssicherheit 500 000 Menschen demonstriert. Am Abend des 7. November gab die komplette DDR-Regierung ihren Rücktritt bekannt. Am 9. November verkündete Politbüro-Mitglied Günter Schabowski die Öffnung der Mauer. Tausende von Ost-Berlinern machten sich zur Grenze auf den Weg und besuchten den Westteil der Stadt. In diesen Tagen denkt George Bush wieder viel an Deutschland. Sorgen muss er sich jedoch nicht machen. Im Gegenteil. Er kann sich freuen und er darf seine Freude öffentlich zeigen: Am Montag, dem 8. November, um 14 Uhr, wird der ehemalige US-Präsident Ehrenbürger von Berlin.

Ort der Ehrung ist der Große Saal des Roten Rathauses. Geplant ist, dass der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen zunächst George Bush begrüßt. Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl soll anschließend die Laudatio halten. Dies alles soll in Anwesenheit des ehemaligen Staatspräsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, geschehen. Gestern wurde bekannt, dass sich die Protokollexperten des Senats etwas Besonderes ausgedacht haben: Am Montag um 13.50 Uhr wollen George Bush, Michail Gorbatschow, Helmut Kohl und Gastgeber Eberhard Diepgen vom Balkon des Roten Rathauses aus die Berliner begrüßen. Nach Senatsangaben werden 40 Fernsehsender und 50 Fotografen aus aller Welt erwartet.

Im November 1989 hatte Bush bewusst auf jede triumphale Geste verzichtet. "Ich wollte es auf jeden Fall vermeiden, dass sich die Sowjets provoziert fühlen", gab er später zu Protokoll. Michail Gorbatschow erinnert sich bis heute an das Gestammel von SED-Chef Egon Krenz, der in den Novemberwirren offenbar vollkommen den Überblick verloren hatte und in Moskau telefonisch Rat suchte. Die sowjetische Führung reagierte zunächst zugeknöpft auf die Nachrichten von der Maueröffnung, gratulierte später aber mit überraschender Herzlichkeit. Egon Krenz war zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass ihm "die sowjetischen Freunde" quasi zum Untergang beglückwünschten. Von Zynismus konnte dabei nicht die Rede sein. Gorbatschow und sein damaliger Außenminister Eduard Schewardnadse sagten später, dass sie eigentlich nur ein Interesse hatten: Sie wollten eine Eskalation der Gewalt wie auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking verhindern. Krenz hatte "die chinesische Lösung" gutgeheißen. Nun wurde er in den Ruhestand geschickt, und die Mauer bekam im Stundentakt immer weitere Löcher.

An den Fall der Mauer vor zehn Jahren wird in Berlin mit vielen Veranstaltungen erinnert. Hier einige ausgewählte Termine

Sonnabend, 6. November

Die Kulturbrauerei (Sammlung für industrielle Gestaltung) an der Danziger Straße in Prenzlauer Berg lädt um 19.30 Uhr zur Diskussion mit Dagmar Schipanski, Peter Bender, Heinz Bude und Gerd Irrlitz. Das Thema lautet: Die Maueröffnung - Gründungsakt des vereinigten Deutschlands. Um 21 Uhr zeigt das Kino Babylon in Mitte die Dokumentarfilme "In Berlin 16. 10. bis 4. 11. 1989" und "Leipzig im Herbst".

Sonntag, 7. November

In der Schiller Theater Werkstatt (nahe dem Ernst-Reuter-Platz) ist um 20 Uhr Manfred Karges "MauerStücke" in einer Inszenierung von Regiestudenten der Hochschule für Schauspielkunst zu sehen.

Montag, 8. November

Im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz ist um 21 Uhr die Fernsehreportage "Novembertage - Stimmen und Wege" von Marcel Ophüls zu sehen.

Dienstag, 9. November

Die evangelische Kirche feiert ihren zentralen Gottesdienst um 10 Uhr in der St. Marienkirche am Alexanderplatz. Mit dabei sind Bischof Wolfgang Huber und Generalsuperintendent Martin-Michael Passauer. Um 13.30 Uhr soll ein Mahnmarsch vom Adenauerplatz zur Gedächtniskirche beginnen. Veranstalter ist der Arbeitskreis "Gemeinsam für das Recht". Mit dem Umzug entlang des Kurfürstendamms soll an Enteignungen, Zwangskollektivierungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der DDR erinnert werden. Höhepunkt und Abschluss ist eine Kundgebung auf dem Breitscheidplatz. Der Verein "Stattreisen" bietet um 14 Uhr (Treffpunkt U-Bahnhof Stadtmitte) die Tour "Grenzgänge grenzenlos" zwischen Checkpoint Charlie und Potsdamer Platz an. Um 14.45 Uhr beginnt ein Gottesdienst in der "Kapelle der Versöhnung" an der Bernauer Straße. Neben Bischof Wolfgang Huber wird Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erwartet. In der Gedächtniskirche wird um 18 Uhr mit Bischof Huber und Generalsuperintendent Passauer Gottesdienst gefeiert. Der zentrale katholische Gottesdienst mit Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky beginnt ebenfalls um 18 Uhr in der St. Hedwigs-Kathedrale. Auf dem Vorplatz des Abgeordnetenhauses beginnt am 9. November die Ausstellung "Europa in Bewegung - Die Berliner Mauer - Künstler für die Freiheit" mit 25 Beiträgen von Künstlern aus ganz Europa.

Fotos des Berliner Bildjournalisten Fabrizio Bensch sind ab 17 Uhr (bis 31. Januar) im Bürger-Service-Zentrum des Rathauses Charlottenburg in der Otto-Suhr-Allee 100 zu sehen. Bensch zeigt Fotos aus den vergangenen zehn Jahren. Ebenfalls um 19 Uhr beginnt in der Philipp-Schaeffer-Bibliothek in der Brunnenstraße 181 in Mitte die Berliner Buchmesse mit einer Bücherschau von 14 Berliner Verlagen. Im "Haus am Checkpoint Charlie" in der Friedrichstraße 43 - 45 wird der zehnte Jahrestag des Mauerfalls vom frühen Morgen bis weit nach Mitternacht gefeiert. Von 9 Uhr bis 2 Uhr gibt es Besichtigungen und Filme. Ab 18 Uhr ist auf dem Grundstück Friedrichstraße Ecke Zimmerstraße der Film "Ode an die Freiheit" von Beate Schubert zu sehen. Die Brandmauer der DG-Bank am Pariser Platz wird um 21 Uhr zur Leinwand. Der Fotograf Saba Laudana zeigt Dias von der Berliner Mauer aus den Jahren 1983 bis 1989. Laudana will zehn Projektoren auf dem Gelände der künftigen US-Botschaft aufstellen.

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