Berlin : Georgia Peet-Taneva (Geb. 1923)

„Mit einer enormen Wut im Bauch kam ich nach Ravensbrück“

Felix Lampe

Man hat ihr den Kopf geschoren und sie in Häftlingskleidung gesteckt. Als sie aus dem Arztzimmer nach draußen tritt, stehen zwei Mithäftlinge da. Von den beiden deutschen Kommunistinnen wird Georgia Taneva zum ersten Mal seit Monaten umarmt – eine Geste der Zärtlichkeit beim Eintritt ins KZ Ravensbrück, eine Welt aus Hunger, Kälte und Angst. Und dem Widerstand dagegen im politischen Block, wo sie die jüngste Insassin ist. „Ravensbrück war auch die Schule der Menschlichkeit auf einem ganz hohen Niveau“, sagt Georgia Taneva später. Sie spricht ein gewandtes Deutsch in einer klaren Diktion. Ihre Muttersprache ist Bulgarisch. Außerdem spricht sie noch fließend Polnisch, Russisch und Englisch.

Ihre Eltern sind Kommunisten. Mit Georgia und dem Bruder fliehen sie von Sofia nach Warschau, wo sie im jüdischen Viertel leben. Als die beiden Kinder einmal von der Schule nach Hause kommen und berichten, wie sie von anderen Kinder als Juden beschimpft wurden, erwidert die Mutter: „Dann seid ihr eben Juden.“ Fortan gehen sie auf eine jüdische Schule. Früh lernt Georgia Taneva sich mit den Schwächsten zu solidarisieren.

Beim Angriff der Deutschen auf Warschau im September 1939 kommt die Mutter ums Leben. Der ältere Bruder war in den Spanischen Bürgerkrieg gegangen, und auch den Vater hatte die politische Arbeit fortgeführt. Georgia ist ganz allein. Tagelang sitzt sie auf einem Trümmerhaufen, wo sie eine weißrussische Offizierswitwe entdeckt und bei sich aufnimmt. Doch bald wird sie von den Deutschen aufgegriffen und nach München deportiert. Bei den Gummiwerken Metzler muss sie Zwangsarbeit leisten. Dort trifft sie auf gastarbeitende Studenten. Schnell fühlen sie sich im Widerstand vereint. Sie stellen Flugblätter her und verteilen sie. „Naiv“, wie Georgia Taneva später zugibt. Sie werden von der Gestapo verhaftet. Aufgrund ihres jungen Alters kommt sie aus der Sache irgendwie heraus und flüchtet auf abenteuerlichen Wegen durch Osteuropa zurück nach Sofia.

In der alten Heimat wartet jedoch niemand auf sie. Wieder gerät sie in die Fänge der Deutschen, kommt nach Ravensbrück, in das Konzentrationslager für weibliche Häftlinge nördlich von Berlin.

Sie gibt vor, Medizinstudentin zu sein, und hat so das Glück im Lagerkrankenhaus als Krankenschwester arbeiten zu können. Aber die Gängelei, der Hunger, die stundenlangen Appelle in der Kälte bleiben, die Angst vor den Schäferhunden, die sie nie wieder verlassen wird, die Schläge und die Demütigungen, die sie noch Jahre nach Ende des Krieges in Träumen verfolgen.

„Mit einer enormen Wut im Bauch kam ich nach Ravensbrück“, erinnert sich Georgia Taneva später. „Eine Wut ist etwas fast Körperliches. Wenn man erschöpft und schwach ist, verwandelt sie sich in einen kalten Hass.“ Die Solidarität der Frauen im politischen Block lässt sie diesen Hass überwinden. Durch den gemeinsamen Widerstandsgeist lernt sie, inmitten äußerster Widrigkeit einen klaren Kopf zu bewahren.

Jahre später spricht sie oft vor Schülern von ihren Erfahrungen. Sie lädt Studenten zu sich ein und diskutiert mit ihnen. Sie bleibt nie bei der bloßen Schilderung des Schreckens, sie interessiert sich für aktuelle Kämpfe und will politische Aufklärungsarbeit leisten: Wie lässt sich eine Ideologie kritisieren? Wie kann man Widerstand leisten?

Nach dem Todesmarsch aus dem KZ und der Befreiung durch die Rote Armee verschlägt es die Heimatlose nach Berlin. Dort findet sie Arbeit als Lektorin bei einer Zeitung. Im Lager hat sie Russisch gelernt; so kann sie in der sowjetischen Besatzungszone auch als Dolmetscherin ihren Lebensunterhalt verdienen.

Später arbeitet sie vor allem als Übersetzerin von Kinderbüchern. Sprache spielt in Georgia Tanevas Leben eine zentrale Rolle, ob in der Familie, wo sie früh für das Lesen begeistert wurde oder auf ihrer Odyssee durch Osteuropa, wo die Verständigung überlebensnotwendig war, ob im Lager, wo sie die Gemeinschaft zusammenhielt, oder später als Vermittlerin aufklärerischer Ideen. Sprache aber auch als Quelle der Freude im gesellschaftlichen Umgang. Georgia Taneva ist eine weltgewandte und charmante Frau. Bei ihrer Arbeit lernt sie den britischen Reuters-Journalisten John Peet kennen. Mit ihm gründet sie eine Familie.

Sie wohnen zusammen in Ost-Berlin. Georgia Peet-Taneva kündigt nie ihre Solidarität mit der DDR auf, in die sie, den Nazigräueln entronnen, ihre Hoffnung auf eine antifaschistische Gesellschaft setzte. Gleichwohl geht es ihr gegen den Strich, dass sie auf Gedenkveranstaltungen der Lagergemeinschaft Ravensbrück ihre Reden nicht frei halten darf. Doch Erinnern tut not, weil es immer wieder Leute gibt, die nicht wahrhaben wollen, was grausam und wahr war. Und weil man selber mit den Erinnerungen fertig werden muss.

Georgia Peet-Tanevas letzte langjährige Arbeit ist sicher auch eine Arbeit der Bewältigung. Sie übersetzt die Aussageprotokolle befreiter polnischer KZ-Häftlinge aus Ravensbrück. So finden ihre Übersetzungstätigkeit und ihre Erinnerungsarbeit zuletzt zusammen. „Diese Arbeit kann nicht irgend jemand machen,“ sagte sie, „es braucht jemanden, der sich einfühlen kann.“ Felix Lampe

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