Berlin : Georgia van der Rohe (Geb. 1914)

Sie wollte Glanz und Applaus, sie wollte fliegen, jetzt erst recht.

Anne Jelena Schulte

Du lässt dir ständig von den Jungen die Gummistiefel an- und ausziehen“, beschwerte sich ein Schuldirektor bei der zwölfjährigen Dorothea. „Das muss ein Ende haben.“ Doch das war erst der zarte Anfang eines langen Lebens voller Liebhaber und Hauptrollen.

Geboren wurde sie als ältestes von drei Mädchen in einer Villa in Lichterfelde-West. Der Weg in ihr Kinderzimmer führte über duftende Matten aus China, im Zimmer selbst standen Möbel im Empire-Stil, die ihr Vater entworfen hatte. „Mein Vater – groß, einigermaßen schlank, mit einem imperialen Gang – sah aus wie ein spanischer Grande und benahm sich auch so,“ schreibt sie in ihrer Autobiografie. Sie sollte ihm eine würdige Tochter werden.

Sechs Jahre war Dorothea alt, als Ludwig Mies die Familie verließ. Zurück blieben eine körperlich und seelisch angeschlagene Ehefrau sowie ein Schnörkel am Namensende: Der Architekt glaubte, dass er seiner „Weniger-ist-mehr“-Ästhetik nur mit einem Namen zum Durchbruch verhelfen könne, der dieser Devise entgegenstand, und dachte sich „van der Rohe“ aus.

„Wenn ich nicht mit dir fliegen kann, darf ich dir doch nicht als Blei am Fuß hängen“, hatte die Mutter an ihren Mann geschrieben. Auch Töchterlein Dorothea liebte das Fliegen. Schwarzäugig und dunkelhaarig war sie, „die Eltern haben mich von Zigeunern gekauft.“ Es gefiel ihr, dass sie seit der Trennung mit der Mutter und den Schwestern von einem luxuriösen Kurort Europas in den nächsten zog. Dorothea lebte auf in der Losgelöstheit, im Tanz. Heimlich schleppte sie als Jugendliche das Grammophon in Wälder, Felder und auch in den Schnee, um dort nachzutanzen, was ihre Lehrerinnen in „Rhythmischer Gymnastik“ ihr beigebracht hatten.

Je schwerer die Zeiten wurden, desto hartnäckiger der Wille zum Tanz. Der Reichtum der Familie ihrer Mutter war während der Inflation dahingeschmolzen. Jetzt saß auch ihr Vater mittellos in seiner Wohnung, die Nazis hatten ihm sämtliche Bauvorhaben gestrichen. Dorothea aber, die gerade auf dem Internat „Schloss Salem“ ihr Abitur gemacht hatte, wollte Glanz und Applaus, wollte fliegen, jetzt erst recht.

Gut, dass ihre Eltern so vorzügliche Kontakte in die höheren Sphären hatten, wie etwa den zu der Tänzerin Mary Wigman. Sie gewährte Dorothea ein Stipendium an ihrer Tanzschule.

Als die Ausbildung beendet war und Dorothea bei Mary ihr erstes, anstrengendes Engagement bekommen hatte, in dem ihre Rolle vor allem die der Blitzableiterin für die Launen der Chefin war, beschloss sie, sich der traditionelleren Tanzform zuzuwenden und eine Ballettausbildung anzuschließen. Noch immer trug sie den Spitznamen, mit dem Mary sie gerufen hatten: „Mucki Mies van der Rohe“ lautete auf den Plakaten der Göttinger Händel-Festspiele ihre erste öffentliche Ankündigung. Kein Name für eine Bühnenkönigin. Und so krönte sie sich, inspiriert vom Telefonbuch, zu Georgia.

Georgia van der Rohe, die in Berlin eineinhalb Jahre Schauspiel studierte, weil Schauspielerinnen ein paar Jahre länger vom Scheinwerferlicht beschienen werden als Tänzerinnen, und weil ihr das Talent dazu diagnostiziert worden war. Ihr Fach wurde das der „ersten Heldin, Liebhaberin und Salondame“, in dem sie nach kleineren Engagements am Stadttheater von Regensburg und später an der Landesbühne Tübingen zu bewundern war. Sie spielte ihre Rolle zur vollen Zufriedenheit der Kritik, ihrer selbst und der Regisseure, darunter Erwin Piscator.

Jenseits der Bühne gab es neben beglückten Liebhabern wütende Ehefrauen und eifersüchtige Männer. Wer sie nach ihrem Familienstand fragte, erfuhr: „Verheiratete Junggesellin mit zwei Kindern“. Das erste Kind stammte aus der Ehe mit ihrem Regensburger Intendanten, von dem sie sich nach dem Krieg zu lösen versuchte. Er aber war streng katholisch, Scheidung kam nicht infrage, und mit einem Engagement als Herzdame seines neuen Ensembles in Tübingen band er sie auf weitere Jahre an sich.

Ihre Liebhaber waren der Chef der amerikanischen Militärregierung in Regensburg, ein Nobelpreiskandidat, ein Prinz und andere Männer „von Rang und Namen“. So ungebunden und unabhängig Georgia lebte, so süchtig war sie nach dem Wohlgefallen „wichtiger“ Männer, das sie in ihren Erinnerungen beschwört wie ein Mantra.

Ein Wichtiger, der ihr seine Achtung lange verweigerte, war der Vater, der seit seiner Emigration in Chicago lebte. „Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Interesse am Leben der Kinder, all das war ihm fremd.“ Dennoch suchte Georgia hartnäckig seine Nähe, besuchte ihn und erforschte in den Dokumentarfilmen, die sie mit fünfzig Jahren zu drehen begann, seine Freunde und Bauhaus-Kollegen Paul Klee und Wassily Kandinsky.

Ihr Kampf um den Vater war nicht umsonst. 80 Jahre war Ludwig Mies van der Rohe, als er seine Tochter bat, mit ihm in den Urlaub zu fahren. „Zu meinem Erstaunen erinnerte er sich an kindliche Worte oder kleine Aufsätze von mir. Zum ersten Mal interessierte er sich für meine künstlerische Arbeit. Einmal sagte er auf dem Weg zum Dinner: Ich bin verliebt in meine schöne, elegante Tochter. Seltsamerweise dachte ich an ein Foto, das mich als drei Wochen altes Baby geborgen in seinen Armen zeigt. Zwischen uns entstand eine Freundschaft, die drei Jahre, bis zu seinem Tod, dauerte.“

1992, nach zwanzig Jahren, die sie in New York verlebt hatte, kehrte Georgia dorthin zurück, wo ihr Leben begonnen hatte, nach Berlin, zu ihren Söhnen, die sie bis zu ihrem Tod umsorgten. Anne Jelena Schulte

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