Georgier in Berlin : "Jeder leidet für sich selbst"

Rund tausend Georgier leben und arbeiten in Berlin. Sie sind entsetzt über die Nachrichten aus der Heimat und fürchten um ihre Familien. Informationen über die Lage vor Ort erhalten sie per Telefon oder über das deutsche Fernsehen - das georgische Fernsehen berichtet lieber über die Olympischen Spiele.

Christian van Lessen
Zaza Tuschmalischvili
Gedrückte Stimmung: Der georgische Maler Zaza Tuschmalischvili fürchtet um seine Familie. -Foto: Uwe Steinert

Zaza Tuschmalischvili hat gerade mit seiner Familie telefoniert. Sie wohnt in Gori, Georgien, in bombardiertem Gebiet. Plötzlich bricht die Verbindung ab. Der bekannte Maler, der gerade in der Galerie Georgia Berlin an der Charlottenburger Bleibtreustraße ausstellt, weiß nur so viel: Seine Angehörigen, darunter die Schwester mit dem Baby, sind auf der Flucht. Und er, dessen Werke in warmen Farben Phantasie und Träume, aber auch Sehnsüchte und Ängste ausdrücken, hat jetzt das Gefühl unbeschreibbarer Sorge.

So geht es am Sonnabend auch Sophie Chkhartishvili aus Friedrichshain. Sie hält fast stündlich Kontakt mit ihrer 70-jährigen Mutter in Tiflis. Es geht in den Anrufen um die Sorge vor dem, was im Land ringsum passiert und die Angst, wie sich dies auf die Hauptstadt, auf die Familie auswirkt. Ihre Angehörigen scheinen weniger vom Krieg mit Russland, von Kämpfen und Toten, mitzubekommen. Die Tochter, die Germanistik studierte und seit zehn Jahren in Berlin lebt, hat den Eindruck, dass die Familie in der Heimat noch gar nicht das ganze Ausmaß erfasst. "Sie bombardieren ganz Georgien", ruft sie erschüttert ins Telefon, während der Fernseher läuft. Und das schon seit Mitternacht.

Die Nerven liegen blank

Via Satellit hat die Georgierin auf deutsche Nachrichtenkanäle und das russische Fernsehen umgestellt, das Kriegsbilder zeigt, während sich das georgische Fernsehen mittags ausgiebig den Olympischen Spielen widmet. Auch das macht viele Georgier in Berlin, die das heimische Fernsehen verfolgen, misstrauisch. Die Stimmung unter ihnen "ist im Keller", wie Sophia Chkhartishvili sagt. Es mache sich das Gefühl breit, Georgien solle vernichtet werden. Sie würde gern vor der russischen Botschaft demonstrieren, aber da müsse schon eine größere Gruppe zusammenkommen, von einem Aufruf sei ihr nichts bekannt. Vor der Botschaft fotografierten sich gestern nur russische Touristen.

"Jeder leidet für sich selbst", sagt Ekkehard Maaß, Vorsitzender der Deutsch- Kaukasischen Gesellschaft und Vorstand der Berliner Georgischen Gesellschaft. Es gebe rund tausend Georgier in Berlin, darunter viele Studenten, die alle, wo möglich, vor den Fernsehern hockten und in die Heimat telefonierten. Der Berliner Publizist und frühere DDR-Bürgerrechtler Maaß, der seit 30 Jahren regelmäßig Georgien besucht und "jedes Haus kennt", ist entsetzt von den Nachrichten. "Der Krieg in Südossetien ist ein Verbrechen an den Menschen, die dort leben, und an den Soldaten beider Seiten, die sinnlos getötet werden. Und er ist gefährlich für die gesamte Kaukasusregion." Der Konflikt sei militärisch nicht zu lösen und es sei unwichtig, wer die militärischen Aktionen begonnen hat, sagt er. Wichtig sei allein, sie schnell zu beenden.

In Sorge waren gestern auch zahlreiche Berliner in Tiflis. Eine Gruppe von Berliner Austauschstudenten wollte den Aufenthalt in Tiflis vorzeitig abbrechen und wartete auf eine Flugverbindung nach Istanbul. Das Auswärtige Amt habe sie beruhigt, aber bei einigen Teilnehmern lägen die Nerven blank. In 15 Kilometern Entfernung seien Bomben gefallen.

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