Berlin : Gepflegte Feindschaften

Der Streit in der Jüdischen Gemeinde eskaliert. Doch auch die Allianzen derjenigen, die eine Spaltung vorantreiben, sind brüchig

Johannes Boie

Am Montagabend hatte Berlins jüdische Gemeinde zum Holocaust-Gedenken in ihr Gemeindehaus in die Fasanenstraße gebeten. Wo gewöhnlich Mitglieder der Bundesregierung auftauchen, war diese Woche nicht einmal Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit erschienen. Auch der Botschafter Israels, Shimon Stein, ließ sich nicht sehen. Spätestens jetzt ist es offensichtlich: Die Berliner Gemeinde verliert an Einfluss und Relevanz, weil sie zu zerstritten ist. Die neueste Aufregung ist die Ankündigung des ehemaligen Vorsitzenden Albert Meyer, zusammen mit dem Potsdamer Professor Julius Schoeps die Gemeinde neu organisieren zu wollen. Auch von einer Abspaltung ist die Rede. Meyer wirft dem jetzigen Gemeindevorsitzenden Gideon Joffe und seinem Stellvertreter Arkadi Schneiderman vor, unter ihrer Führung verkomme die Gemeinde zu einem russischen Kulturverein.

Seit dem Fall der Mauer 1989 ist die Anzahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Berlin von 6199 auf 11022 Mitglieder angestiegen – vor allem wegen der Einwanderer aus dem russisch-sprachigen Raum. Deutschlandweit ist die Zahl der Gemeindemitglieder durch 26 000 Zuwanderer auf über 105 000 angestiegen. Viele Einwanderer seien durch die vielen Jahre in einem kommunistischen System, das die Glaubensausübung unmöglich machte, schwer zu integrieren, erklären mehrere deutsche Rabbiner. „Die haben keine Lust auf Autoritäten“, erklärt Rabbiner Ariel Lototzki aus Lübeck. Er setzt auf „schrittweise Integration“.

„Ich heiße jeden Zuwanderer willkommen“, sagt Albert Meyer, doch „der Umgang mit der (deutschstämmigen) Minderheit muss genauso gut bleiben wie die letzten 200 Jahre“. Julius Schoeps, der als Nachfahre der 250 Jahre alten Mendelssohn-Familie traditionell viel Gehör findet, ergänzt: „Viele alteingesessene Mitglieder fühlen sich in der Berliner Gemeinde nicht mehr wohl.“ Beide Kritiker fordern Deutsch als Sprache der Gemeinde. Als Hauptgegner gilt jedoch der Vize-Chef der Gemeinde, Arkadi Schneiderman. Meyer: „Der will den Stalinismus einführen.“ Zwischen Meyer, Schneiderman und Schoeps gab es bereits mehrere juristische Auseinandersetzungen.

Einer, der die Hintergründe kennt, aber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, kommentiert lapidar: „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.“ Der Insider beschreibt die beiden Kritiker als „schwierige Charaktere“, allerdings sei Schneiderman „noch weniger tragbar“. Schoeps und Meyer hätten die heutige Spitze der Gemeinde jedoch selber „salonfähig“ gemacht. Tatsächlich gelang Schneiderman ausgerechnet auf der Kadima-Liste von Albert Meyer 2004 der Einzug in das Gemeindeparlament. Schneiderman verhielt sich daraufhin Meyer gegenüber illoyal und wechselte auf die Seite seines heutigen Chefs, Gideon Joffe. Schneiderman erklärte gegenüber dem Tagesspiegel, die Ankündigungen von Albert Meyer seien lediglich ein „Bluff“. „Alles wird so bleiben, wie es ist.“

Für diese Einschätzung spricht, dass sich auch Meyer und Schoeps nicht gut miteinander verstehen.

„Uns eint nur die deutsche Sprache“, sagt Meyer über Schoeps in Anspielung auf den gemeinsamen russisch sprechenden Gegner. Die Wut eint zwei, die sich im April 2004 im Streit getrennt hatten: Meyer war damals Gemeindevorsitzender geblieben, sein Stellvertreter Schoeps zurückgetreten.

Rabbiner Andreas Nachama, der den Gemeindevorsitz von 1997 bis 2001 innehatte, beobachtet den Streit aus der Distanz. „Der dauernde Konflikt wird auf ein amerikanisches Modell herauslaufen“, glaubt er. Dort seien die einzelnen Synagogen unabhängig und schlössen sich auf unpolitischer Ebene zu einer Föderation zusammen. „Das würde Berlin auch gut tun“, sagt Nachama. „Die Gemeinde hier ist zu vielschichtig, um eine Einheit zu bilden.“

In der Berliner jüdischen Gemeinde war gestern niemand für eine Stellungnahme zu erreichen, auch der Zentralrat der Juden kommentierte den Gemeindestreit gestern nicht. Doch dem Schweigen liegt nichts Friedliches inne: Am Holocaust-Gedenkabend jedenfalls wurden nur in den offiziellen Ansprachen versöhnliche Töne angeschlagen, ansonsten wurde viel getuschelt und gelästert. Selbst die Musik des russischen Veteranenchors habe „wie russische Marschmusik aus dunklen Zeiten“ geklungen, urteilte ein Zuhörer auf dem Weg nach Hause.

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