Berlin : Gerd Lünenbürger

Ein Leben nach strengen Maßstäben

Paul Stoop

Blockflöte! Ein Instrument für Kinder, Lehrerinnen, Greisenzirkel – in den Händen eines aus- und hochgewachsenen, vielseitig talentierten , hochgebildeten Mannes. Er hätte auch Klavier als sein Lebensinstrument wählen können, das seine Mutter auf hohem Niveau spielte, oder die Schauspielerei, mit der er lange liebäugelte. Aber Gerd Lünenbürger entschied sich früh für die Blockflöte und blieb dabei. Ein Instrument, dessen Schönheit und Vielfalt erkennt, wer sich um Mode und Klischees nicht schert und der ein feines Gespür für das Holz und seinen Klang hat.

Gerd Lünenbürgers Weg führt von Wien über Amsterdam, Bremen, Bern und Biel nach Berlin, wo er 1991 Professor für Blockflöte an der Hochschule der Künste wird. Sein Interesse gilt der zeitgenössischen wie der alten Musik, die er mit einem tiefen Verständnis für die historische Aufführungspraxis spielt und lehrt. In etlichen Städten Europas bietet er Meisterkurse an. Komponisten schreiben Stücke für ihn. Der berühmte, vor dem Vietnamkrieg in die kanadischen Wälder desertierte Blockflötenbauer Bob Marvin baut ihm ein Flöten-Consort – die rare Verbeugung eines ähnlich nach Perfektion Strebenden.

Gerd Lünenbürgers Konzerte sind ebenso selten wie unvergesslich. Der hohe Anspruch, das Lampenfieber, die unerbittliche Konzentration auf das große Ganze wie auf das Kleinste, Subtilste machen ihm die Auftritte schwer. Nichts macht er mit halbem Herzen. Reizt ihn eine Sprache, lernt er sie binnen Jahren, bei einer CD-Produktion mit zeitgenössischer Musik macht er alles selbst: Musik, Texte, Fotos. Es dauert Jahre voller Unruhe, aber heraus kommt ein Juwel.

Die strengen Maßstäbe, das Leben als leise-klarer Intellektueller haben einen hohen Preis. Es kann quälend sein und einsam machen. Nachdem die Mutter gestorben ist und die Distanz zu manchen Verwandten unüberbrückbar erscheint, wird ihm klar: Seine Familie sind die Freunde, verstreut in aller Welt, aber verbunden durch Gespräche und gemeinsame Projekte. Die Freunde werden gebraucht, als Anfang 2010 nach Monaten unerklärlicher Lähmungssymptome die Diagnose feststeht. ALS, Amyotrophe Lateralsklerose, ist eine Nervenkrankheit, die die Muskeln stilllegt: Hände, Beine, Stimme, schließlich die Atmung. Sie ist nicht zu heilen und nicht aufzuhalten. Es ist das Ende der Musik, das Ende der physischen Selbstbestimmung. Hirn und Geist bleiben klar und unberührt im stetig enger werdenden Körper-Gefängnis.

Aber Gerd Lünenbürger verweigert der Krankheit die Anerkennung. Nur die Würde zählt, der Wille zur eigenen Lebensgestaltung. Der Freundeskreis schließt sich zusammen, wird zu seiner Familie, auf die er stolz ist. Ein Hilfsnetz wächst, ein Dutzend Freunde, manche erfahren durch die Begleitung Aids-Kranker, andere Neulinge in der Pflege- und Sterbewelt. Die Krankheit schreitet rasant fort. Mancher, der den hageren Mann ein paar Monate nicht gesehen hat und ihn an Krücken, am Rollator, dann im Rollstuhl auf dem Friedenauer Markt trifft, ist sprachlos vor Entsetzen. Bei aller Verzweiflung ist die geistige Präsenz ungebrochen, das Lachen spontan, auch ohne Worte.

Was er mit wenigen gleich nach der Diagnose besprochen hat, vollzieht Gerd Lünenbürger Ende Oktober. Noch kann er schlucken, aber die Zeit wird knapp. Da er sich gegen Luftröhrenschnitt und Magensonde entschieden hat, wird der Flug in die Schweiz gebucht. Dort hilft die Organisation „EX International“ Menschen, die über ihr Ende selbst bestimmen wollen. Freunde sind bei ihm, als er das todbringende Gift zu sich nimmt. Bei der Berliner Abschiedsfeier, Ende November, ist Gerd Lünenbürger präsent, im hellen Wort und in seiner Musik. Paul Stoop

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