Berlin : Gerd zu Klampen, geb. 1917

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Im Herzen ist Gerd zu Klampen immer Zauberer gewesen. Er hatte geschickte Hände. Bis ins hohe Alter ließ er kleine Bälle verschwinden und wie aus dem Nichts wieder auftauchen. Er zauberte Kaninchen aus Zylindern und Münzen aus anderer Leute Ohren. Er liebte es, mit seinen Kunststücken im Mittelpunkt zu stehen. Seit er 1922 mit fünf Jahren auf dem Balkon der Wohnung in der Eisenacher Straße stand, in der er mit Bruder und Mutter wohnte, und einen Nachbarn beim Zaubertraining beobachtete, wollte er das Gleiche machen. Er übte so viel er konnte. Als er sich aber während des Dritten Reiches für einen Beruf entscheiden sollte, hätte er, um hauptberuflicher Zauberkünstler zu sein, in die Reichskulturkammer aufgenommen werden müssen. Das ging nicht: Die Nürnberger Rassegesetze machten ihn zum "Halbjuden".

Gerd zu Klampens Vater war preußischer Offizier bei der Marine in Wilhelmshaven, die Mutter war Jüdin. Sie half ihm, eine andere Lehrstelle zu finden und Gerd zu Klampen wurde Goldschmied. Er wurde "ein Handwerker mit Phantasie", wie er sich nannte, weil ihm "Künstler" zu hochgestochen klang. Zauberer blieb er im Herzen und im Nebenberuf.

Der Direktor des berühmten Varietés Scala in Schöneberg wagte es dennoch, Gerd zu Klampen in den dreißiger Jahren auf die Bühne zu lassen. Er mochte den Zauberer und konnte ihn gut in seinem Programm gebrauchen. Gerd zu Klampen trat illegal auf und zauberte vor zweitausend Zuschauern in den "Kraft durch Freude"-Veranstaltungen der Nazis und hoffte darauf, nicht erkannt zu werden. Wie die anderen Künstler ging er in den Pausen mit der Büchse durch die Zuschauerreihen, sammelte Geldspenden für das Winterhilfswerk und versuchte, niemandem im Publikum aufzufallen. Manchmal fragte er sich, was geschehen würde, wenn man ihn fotografierte und das Bild in der Zeitung erschiene und ihn irgendjemand erkennen würde: den zaubernden Halbjuden. Gleichzeitig fand er hier endlich ein begeistertes Publikum. Er hatte Glück: Er wurde nicht entdeckt.

"In seiner Jugend war er ein Hallodri", sagt der Filmemacher Uli Weiss, der Gerd zu Klampen porträtiert hat. In den Nächten trieb sich Gerd zu Klampen mit seinen Freunden herum. Sie besuchten die Amüsiermeile am Potsdamer Platz und zogen von ihrer Stammkneipe, dem "Schmalen Handtuch" aus, durch Gips- und Mulackstrasse, vorbei an der Reichskanzlei zum Brandenburger Tor, von einem Lokal zum nächsten.

Hokuspokus für geflüchtete Gauleiter

Manchmal gingen sie zu Prostituierten. Gerd zu Klampen wurde deshalb mehrfach "wegen Rassenschande" aufs Polizeirevier zitiert. Auch die Gestapo stand mehrmals vor der Tür seiner Vermieterin in Schöneberg. Jedes Mal gelang es ihr, die Männer in den schwarzen Ledermänteln abzuwimmeln. Wenn es ganz brenzlig wurde, versteckte sich Gerd zu Klampen bei einer Freundin in Pankow im Keller. "Ich bin immer irgendwie durchgekommen", sagte er später. Irgendwann durfte er auch nicht mehr als Goldschmied arbeiten, stattdessen wurde er in die Rüstungsindustrie zwangsverpflichtet und stellte Kreiselkompasse für Flugzeuge her. Aber er kam mit heiler Haut davon. Er gewöhnte sich an, sich auf nichts zu verlassen. Als man ihn gegen Ende des Krieges zum Luftschutzwart machte, tat er sein Bestes. Wenn dann ein anderer kam und er gehen sollte, weil er Halbjude war, dann ging er. Gerd zu Klampen machte sich unsichtbar, ein Trick, den er mittlerweile beherrschte.

Dann war der Krieg vorbei. Gerd zu Klampen versuchte endlich von seiner Zauberkunst zu leben, aber die Menschen hatten für Vergnügungen zu wenig Geld. Er verdiente sich seinen Unterhalt in einer kleinen Goldschmiede in einem Hinterhofzimmer, wo er vom Silberbesteck seiner Kunden die Hakenkreuze entfernte. 1947 wanderte Gerd zu Klampen nach Argentinien aus. Er arbeitete in der Goldschmiede eines einheimischen Kollegen und lernte viel, wie er sagte, "weil die im Handwerk damals viel weiter waren als wir". Manchmal zauberte er bei den Abendveranstaltungen der deutschen Gemeinde in Buenos Aires, bis an einem Abend seine schon betrunkenen Zuschauer begannen, sich mit "Herr Obersturmbannführer" und "Herr Gauleiter" anzusprechen. Da packte er seine Utensilien zusammen und verließ die Bühne.

In Argentinien heiratete er eine deutsche Jüdin und zog 1956 nach Perons Tod mit ihr in die USA. 1970 kehrten sie gemeinsam nach Deutschland zurück und trennten sich kurze Zeit später. Es war seine zweite Ehe gewesen, seine erste hatte während des Krieges nur kurz gehalten. In Steglitz übernahm Gerd zu Klampen die Goldschmiede eines Kollegen, der in den Ruhestand ging, und bildete Lehrlinge aus, wie er das immer getan hatte. Als Zauberer trat er öffentlich nicht mehr auf. Er traf seine dritte Frau Karin, heiratete sie in den achtziger Jahren und wohnte mit ihr in der Wohnung über der Werkstatt. Die beiden gingen nach Feierabend regelmäßig gemeinsam zum Essen in ein Thai-Restaurant in der Nachbarschaft und trafen dort ihre Freunde und Bekannte. Zu Klampens waren für ihre Geselligkeit bekannt.

Eine Hand fürs Gold

Damals hatte Gerd zu Klampen schon ein schwaches Herz und schwache Nieren und musste Diät halten. Karin achtete darauf, was er aß. Er war in den letzten Jahren dicker geworden und der Körper drohte ständig, sich selbst zu vergiften. Dennoch war Gerd zu Klampen regelmäßig in seiner Werkstatt. Er saß am hohen Goldschmiedetisch und legte winzige Goldblättchen übereinander. Er brauchte eine dicke Lupe über der Brille, um sein Werkstück überhaupt noch sehen zu können, seine Hände aber arbeiteten präzise und ruhig - bis zum Schluss. Als Gerd zu Klampen jetzt in Berlin starb, war er 83 Jahre alt. Seine Hände hatten Schmuckstücke hergestellt oder Bälle verschwinden lassen. Es waren die Hände eines Zauberers.

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