Berlin : Gerda Müller war nach dem Krieg beim Einzug der Sowjetsoldaten in Berlin dabei

A. Burchard

Wenn sich ein Jahrhundert neigt, haben Erinnerungen Konjunktur. Oft berichten die "Profis" der Geschichte: Politiker, Wissenschaftler, Künstler. In unserer Serie kommen Berlinerinnen und Berliner zu Wort, in deren persönlichen Erlebnissen sich die "große Geschichte" spiegelt. Viele Gesprächspartner hat uns die Zeitzeugenbörse (Tel.: 44046378) vermittelt.

"Ich wurde im November 1922 geboren, in die schlimmste Inflationszeit hinein. Als ich die Mittelschule beendete, begann der Krieg. Kriegsbegeisterung gab es bei uns in der Familie allerdings genauso wenig wie bei allen anderen Berlinern. Mein Vater wurde zwar 1939 mobilisisiert, aber nur kurz im Grunewald bei einer Flugmeldekompanie eingesetzt, bevor er wieder seinen Dienst als Sachbearbeiter für Mietfragen im Rathaus Schöneberg aufnahm. Dass unser Berlin von den Russen eingenommen werden sollte, konnten wir uns natürlich absolut nicht vorstellen. Wir waren doch so stolz, in der Reichshauptstadt zu wohnen.

In den Monaten vor dem Zusammenbruch war ich eigentlich ganz weit weg vom Schauplatz Berlin. 1943 wurde ich als Laienlehrerin ins Warthegau (heutiges Polen) abgeordnet. Um eine richtige Ausbildung zur Grundschullehrerin zu machen, ging ich 1944 in die Lehrerbildungsanstalt nach Güstrow in Mecklenburg, im Januar 1945 bekam ich eine Stelle an einer Volks- und Mittelschule für Knaben in Neustrelitz. Ich machte in Neustrelitz auch Rot-Kreuz-Dienst. Ich betreute die Flüchtlinge aus Königsberg. Ich bekam unheimliche Angst vor den Russen, es sickerte ja so einiges durch von dem, was die Frauen im Osten durchgemacht hatten. Nach den ersten warmen Frühlingstagen entschloss ich mich am 20. April spontan, nach Berlin zu fahren, um meine Sommersachen zu holen. Ich hatte keine Ahnung, dass ich praktisch gleichzeitig mit der Roten Armee ankommen sollte.

Ein Wehrmachtsauto nahm mich bis Spandau mit. Ich war erstaunt, wie viele Soldaten dort waren. Es war ein richtiges Heerlager, ich sah viele Verletzte. Mit der S-Bahn Richtung Tempelhof kam ich nur bis Papestraße. "Wir bitten die Reisenden, auf den Schienen weiterzulaufen", wurde durchgesagt. Ich lief bis Bahnhof Mariendorf. Ich fühlte keine Gefahr, sah kaum Zerstörungen, aber ich geriet in eine ganz merkwürdige Stimmung. An der Trabrennbahn blühten die Bäume, die Vögel sangen. Ich fing an zu weinen, ohne zu wissen warum. Noch am Abend meiner Ankunft wurde mir klar, dass ich wohl doch nicht mehr nach Neustrelitz zurückkommen würde. Nachbarn hatten nach Hohenneuendorf telefoniert und sagten, die Russen seien schon in Oranienburg.

Jetzt war auch in Mariendorf der Beschuss zu hören. Am Montagmorgen kam ein Bescheid von der Partei, Frauen und Kinder sollten sich über den Teltowkanal zurückziehen. Meine Mutter und ich riefen Vater im Rathaus Schöneberg an - er konnte da gar nicht mehr weg. "Kommt zu mir, wir haben hier einen Riesen-Luftschutzkeller", sagte er. Am Montag, den 23. April, gingen wir in einem kleinen Grüppchen über den Teltowkanal. Den ersten Russen-Panzer sahen wir in Alt-Mariendorf in einer Panzersperre stecken. Die Russen hatten sich in den Fabriken festgesetzt. Sie beschossen auch die Straße. Wir hopsten von Baum zu Baum, von Hauseingang zu Hauseingang. An einer Straßenecke lagen tote Zivilisten, die eben gerade bei einem Tieffliegerangriff getötet worden waren. Von einem deutschen Panzer an der Ecke Friedrich-Karl-Straße, Tempelhofer Damm verteilte eine junge Frau die Frontzeitung "Panzerbär". Im Eckhaus wohnten Bekannte, bei denen haben wir übernachtet.

Am Dienstagmorgen erfuhren wir, dass man sämtliche Lebensmittelkarten auf einmal eintauschen konnte. Wir bekamen noch ein riesiges Stück geräuchertes Fleisch. Auf dem Weg zum Rathaus Schöneberg wurden meine Mutter und ich am Sachsendamm von Schrappnell beschossen. Es war wie russisches Roulette: Wann rennst du ein Stück weiter, wann kriechst du irgendwo unter?

Dann kam endlich das Rathaus in Sicht. Mein Vater hatte die Ruhe weg, er machte Luftschutzdienst. Wir saßen drei Tage und zwei Nächte im Luftschutzkeller. Donnerstagnacht kam mein Vater runter. Die Belegschaft hatte beschlossen, in einen Luftschutzkeller in der Bayreuther Straße zu gehen. Sie wollten nicht von den Russen als Verwaltungsmitarbeiter erwischt werden.

Bei diesem Weg durch die Stadt haben wir erst gesehen, wie stark Berlin zerstört war. An Plätzen und Straßenkreuzungen lagen alle Eckhäuser in Schutt und Asche. Am Auguste-Viktoria-Platz machten wir eine Pause im Flur des Lette-Hauses. Die Parteigenossen verbrannten ihre Uniformen und Abzeichen. Ich Dussel habe mein versilbertes Reichssport-Jugendabzeichen von 1938 weggeworfen, weil doch ein Hakenkreuz darauf war. Wir gingen weiter, aber bald wusste nicht einmal mein Vater mehr, wo wir waren. Überall Schutt und dieser ärgerliche Beschuss. Wenn die Stalinorgel schwieg, rannten wir über die nächste Straße. In meinem Kopf war nur noch ein Gedanke: Weiter, weiter nach Westen, vielleicht entkommen wir noch den Russen.

Am Nachmittag kamen wir endlich beim reservierten Luftschutzkeller in der Bayreuther Straße an. Freitag und Samstag haben wir auf einer Bank gesessen und geschlafen. Am Sonntag kamen die Russen. Oben donnerte die kämpfende Armee rüber. In ihrem Gefolge kamen die politischen Kommissare in unseren Keller. Es waren kahlgeschorene Männer in Uniformen. Mit unbeweglichen Gesichtern setzten sie sich an einen Tisch und bewachten uns. Noch am Sonntag kamen Offiziere und Soldaten, die die Männer ab 16 Jahren rausholten und mitnahmen; auch meinen Vater.

In der Nacht zum Montag kam die zweite Garnitur der Roten Armee. Das sind die Vergewaltiger, sagten wir uns. Bei uns im Keller waren noch meine Mutter und ich, eine Schwedin, die mit einem Deutschen verheiratet war, deren Tochter und zwei SS-Mädchen ohne Abzeichen. Wir hörten schon die Frauen aus den Nachbarkellern schreien, es war eklig. Die Schwedin hatte die Idee, dass wir Mädchen uns unter den Betten verstecken sollten. Die "Muttis" saßen oben drauf. Zwei ganz junge russische Soldaten kamen rein. Einer sagte: "Du Moskau." Dann kam ein Offizier hinterher. Er zog die Waffe - da rannten die aber raus. Jetzt verkleideten wir uns alle als "alte Frauen"; wir machten uns sogar Buckel unter die Mäntel. Es stand kein Posten mehr vor unserer Kellertür. Wir gingen auf die Straße. Alles war voller Russen, die meisten waren betrunken. Die Schwedin bot uns an, uns in ihrer Wohnung an der Bülowstraße zu verstecken.

In der Bülowstraße sahen wir gerade noch rechtzeitig die "anderen" Russen, wie sie in die Häuser gingen. Wir beschlossen, uns alle nach Mariendorf durchzuschlagen. Jemand sagte, da seien sie schon durch. Und tatsächlich: Wir kamen die Ringbahnstraße runter und alles war wie im Frieden. Wir klingelten an der Haustür, der Hauswart machte uns auf. Am Abend kam mein Vater nach Hause. Die Russen hatten ihn laufen lassen."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben