Berlin : Gerda Weinberg (Geb. 1911)

Als ihre Mutter abgeholt werden sollte, injizierte sie ihr Milch.

Werner Hinzpeter

Eine Gabel mit extralangen Zinken benutzte sie besonders gern: „Damit lässt sich fantastisch feststellen, ob die Kartoffeln gar sind.“ Fünf Buchstaben waren in die Gabel eingraviert: NSDAP. Dieses Besteck, das sie kurz nach dem Krieg bekommen hatte, war für sie ein Zeichen des Triumphs über die Nazis, denen es nicht gelungen war, sie zu ermorden.

Sie war 17, als sie Erich Weinberg heiratete, einen Augenarzt. Sie besaßen ein Telefon, ein Auto, sie hörten Schallplatten mit amerikanischem Jazz, sie stürzten sich ins Nachtleben der Stadt.

Die Nationalsozialisten nahmen ihnen Schritt um Schritt alle Rechte und bürdeten ihnen immer neue Zumutungen auf. Erich Weinberg durfte nicht mehr Arzt sein, sondern „Judenbehandler“. Den Dackel mussten sie einschläfern lassen, das Auto abgeben, ihre Wohnung räumen, den gelben Stern tragen. Die materiellen Verluste waren aber lange nicht so schlimm – „es waren doch nur Dinge“. Mehrmals standen die Weinbergs auf Deportationslisten und schafften es, verschont zu bleiben. Mit sehr viel Glück, der Hilfe von Freunden und Patienten und großer Entschlossenheit. Einmal, als ihre Mutter abgeholt werden sollte, spritzte Gerda ihr Milch, so dass sie Fieber bekam, eine Gallenkolik vortäuschen konnte und ins Krankenhaus kam.

Dem letzten Zug ins KZ hätten sie so nicht entrinnen können. Sie tauchten unter. Gerda und Erich Weinberg bei einem österreichischen Ehepaar in Falkensee, für die Mutter organisierten sie wechselnde Verstecke in Berlin. Die Helfer in Falkensee riskierten ihr Leben, aber selbstlos waren sie nicht. Sie ließen sich Kost und Logis gut bezahlen. Obendrein mussten Gerda und ihr Mann schuften wie Magd und Knecht.

Gerda Weinberg sah eher „arisch“ aus; sie nannte sich Gerda Schwarz und verließ das Haus. So gut passte sie ins Rassenbild, dass ein verheirateter Nationalsozialist vorschlug, mit ihr ein Kind zu machen. Sie erledigte Botengänge und versorgte ihre Mutter in Berlin mit Essen. Dabei hatte sie selbst nicht genug. Nahrung ohne Lebensmittelkarten zu beschaffen war schwierig und teuer. Zuletzt tauschte sie ihren Ehering gegen Schweinefleisch. Sie selbst aß nichts davon, gab alles ihrem Mann und ihrer Mutter.

Sie überlebten. Und zogen zu den Befreiern Berlins in den sowjetisch besetzten Sektor. Erich Weinberg arbeitete wieder als Arzt und behandelte, als sei das selbstverständlich, auch Patienten, für die er Wochen zuvor noch ein Untermensch gewesen war. 1946 kam Michael zur Welt, ein gutes Jahr später Gabriel. Ein kränkliches Kind, dessen Leben auf der Kippe stand. „Dann machen wir eben ein Neues“, versuchte der Vater zu trösten. „Ich will aber diesen haben“, entgegnete Gerda. Nie mehr wollte sie einen Angehörigen hergeben müssen. Gabriel kam durch.

Erich Weinberg war ein Mann, der mit seiner Meinung schwer hinter dem Berg halten konnte. Das war gefährlich Anfang der fünfziger Jahre in Ost-Berlin. Als er erfuhr, dass er verhaftet werden sollte, ließen sie noch einmal alles zurück und flohen, diesmal nach Spandau.

Frei von finanziellen Sorgen hätten die Weinbergs leben können, wenn sie die Entschädigung für Besitztümer ermordeter Verwandter angenommen hätten. Sie schlugen sie aus. „Wir konnten sie nicht retten, also wollen wir auch ihr Geld nicht nehmen“, sagte Erich Weinberg. Dabei hätten sie es gut gebrauchen können. Denn er konnte nicht mit dem Geld umgehen, das seine Praxis abwarf. Er begann eine Affäre mit einer seiner Arzthelferinnen. Als er 1963 starb, fand seine Witwe am Tag nach der Beisetzung ein Blumenherz auf seinem Grab, von der Geliebten. Sie ließ es liegen.

Weitgehend auf Pump kaufte sie ein Haus in Charlottenburg, in dem erst ihr jüngerer Sohn mit seiner Frau eine Wohnung bezog, wenig später auch sie selbst. Sie wurde Ersatzmutter für ihre Enkel Raphael und David, wenn deren Eltern arbeiteten.

Mit ihrem älteren Sohn überwarf sich Gerda Weinberg mit der gleichen Konsequenz, mit der sie an der anderen Hälfte ihrer Familie festhielt. Warum, darüber sprach sie nicht mit Fremden. Ebenso schwer fiel es ihr, über die Nazizeit zu reden. Lieber erzählte sie von glücklichen Tagen davor: Wie sie in Ostpreußen einen Zeppelin übers Feld hatte fliegen sehen, sich als Mädchen in Berlin in eine Vorstellung von „Metropolis“ gemogelt hatte, wie sie mit dem Cabrio nach Hamburg an die Alster gefahren war.

Als sie mit 98 Jahren stürzte und sich die Hüfte brach, bekam sie ein künstliches Gelenk – und lernte wieder laufen. „Ich will doch 100 werden“, sagte sie, als ein Tumor diagnostiziert wurde. Und als sieben Monate vorm 100. Geburtstag klar wurde, dass ihr das nicht gelingen würde, schimpfte sie, wie lang die Monate geworden seien. Wenigstens bis zum Ersten wollte sie es schaffen. Damit sie die Rente der Familie hinterlassen konnte. Es war das letzte Mal, dass sie einen Kampf gewann. Werner Hinzpeter

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