Berlin : Gerhard Ringel (Geb. 1919)

„Die Formel ist zu schön, um nicht wahr zu sein.“

Anselm Neft

Santa Cruz, Kalifornien. Am Strand präsentieren sich braungebrannte Bikini-Schönheiten und proppere Bodybuilder, im Wasser heldenhafte Surfer mit langen blonden Haaren. Auf dem obersten Wellenkamm gleitet ein sehniger Kerl, dessen Haare weiß bis zur Schulter reichen. „The german Grandpa“ kam 1970 nach Santa Cruz und lernte mit Anfang 50 das Wellenreiten. Es handelt sich um Prof. Dr. Dr. hc. mult. Gerhard Ringel, einen im österreichischen Kollnbrunn geborenen, im Böhmischen aufgewachsenen, in Bonn promovierten Mathematiker, der sich von der Freien Universität Berlin aus zwei Gründen verabschiedet hat: Erstens wollte er mit seinem amerikanischen Kollegen J. W. Ted Youngs vor Ort zusammenarbeiten, zweitens gingen ihm die Studentenproteste in Berlin auf die Nerven: Dass er sich in all dem Streiken und Demonstrieren nicht in Ruhe mit der Schönheit von Flächen, Graphen und Formeln auseinandersetzen konnte – das ging zu weit. 1968 war für Ringel nicht das Jahr von Dutschke, Mao und Uschi Obermaier, es war das Jahr, in dem er mit Youngs das Farbenproblem vollständig löste. Zumindest für alle Flächen, deren Geschlecht größer als null ist.

Die Geschlechter unterscheiden sich in der Geometrie durch die Anzahl der Löcher. Ringel und Youngs haben die Formel für die minimale Anzahl der Farben bestimmt, die man zum Färben einer Landkarte benötigt, wenn kein Land an eines mit gleicher Farbe angrenzen soll. Nur für die lochlose Fläche, also die Ebene oder Sphäre, blieb die Frage offen: Reichen, wie seit dem 19. Jahrhundert diskutiert, immer vier Farben aus? Der Vier-Farben-Satz wurde erstmals 1852 von Francis Guthrie als Vermutung aufgestellt, als er die Counties von England auf einer Karte verschiedenfarbig darstellen wollte. Von da an wechselten sich Mathematiker, die den Satz bewiesen, mit solchen ab, die derlei Beweise widerlegten.

Laien mögen sich fragen, was so wichtig daran ist, ob man die Länder einer Landkarte mit vier oder fünf Farben einfärbt. Diese Leute haben vermutlich nie versucht, die Farben des Zauberwürfels zu sortieren, oder sich die Frage gestellt, wo die Grenzen des menschlichen Geistes liegen. Utilitaristische Gemüter dürfte beruhigen, dass der Suche nach einer Lösung des Vier-Farben-Problems die Graphentheorie entsprungen ist, die wiederum unerlässlich für das Gebiet der diskreten Optimierung ist. Auf diese ist wiederum das Berliner Konrad-Zuse-Zentrum spezialisiert, das vor allem deswegen viel Fördergeld erhält, weil ohne diskrete Optimierung die Maste der Mobilfunkanbieter nicht ordentlich in der Welt aufgestellt werden können. So kompliziert das alles klingen mag: Die Formel, die Ringel und Youngs entwickelten, passt auf einen Bierdeckel. „Die Formel ist zu kurz, um richtig zu sein“, argwöhnte ein Kollege. „Die Formel ist zu schön, um nicht wahr zu sein“, antwortete Ringel, ganz Optimist und Ästhet. Was ihn Zeit seines Lebens an der Mathematik, vor allem an der Geometrie, der Topologie und der Kombinatorik reizte, war die Harmonie, die er immer wieder in deren Gesetzen zu erkennen glaubte. Er sprach von der „wunderschönen Geometrie“ und veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „Perlen der Graphentheorie“.

Neben seinem großen Gespür für Schönheit besaß er eine außergewöhnliche geometrische Vorstellungskraft. Die komplexesten Figuren konnte er im Geiste hin und her drehen und um etliche Schleifen, Winkel oder Löcher ergänzen, dass selbst einem M. C. Escher schummrig geworden wäre. Ringels Freude an den Formen entsprang vielleicht auch sein mit wissenschaftlichem Eifer betriebenes Hobby: das Fangen und Sammeln von Schmetterlingen. Bis nach Brasilien jagte er einem bestimmten Exemplar nach und vermachte mit seinem Tode der Universität von Kalifornien eine gewaltige Sammlung. Auch im berühmten mathematischen Institut Oberwolfach im Schwarzwald, das er jährlich mit seiner Frau besuchte, sah man ihn außerhalb der Tagungszeiten entweder mit einem Schmetterlingsnetz über die Wiesen laufen oder mit einem Tennisschläger jüngere Kollegen bei einem Match in Atem halten. Seine Frau füllte unterdessen den Reisekoffer mit einer deutschen Spezialität, die die Ringels in den USA entbehrten: Brot, dunkles, deutsches Bauernbrot.

Ansonsten fühlte sich Ringel in Santa Cruz wohl: das Meer, das Klima, die lockere Lebensart der Amerikaner und ein Universitätssystem, das nur aus halb so viel Verwaltungswust bestand wie das deutsche. Die Sympathie bestand auf beiden Seiten: Der lebensfrohe, äußerst witzige, vitale, manchmal naive Ringel fand in den USA rasch Freunde und gute Bekannte.

Allerdings war es ihm in Deutschland nicht anders gegangen. Manche, die ihn in den Sechzigern in Berlin erlebten, werden ihn so in Erinnerung behalten: Wie er bei der Fußballmeisterschaft der Fakultäten als großer, dünner Mann mit langen Greifarmen ins Tor der Mathematiker gestellt worden war, sich dort aber langweilte und, auf der Latte des kleinen Tores sitzend, über ein mathematisches Problem nachdachte. Als plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Ball auf sein Tor zuflog, parierte er lässig mit einem seiner fast bis zum Boden baumelnden Beine. Selbstverständlich hatte der Mathematiker den Abstand der Objekte richtig berechnet. Anselm Neft

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