Berlin : Gerhard Thurow (Geb. 1931)

Er mochte, wenn es knallte und pfiff und nach Schwarzpulver roch

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Er war das Land und sie die Stadt. Er war das Staunen und sie die Bewegung. Er war der Künstler und sie sein kühler Kopf. Er war der Koch und sie der Genuss. Er war die Gitarre und sie sein Ohr. Er war ihr Thurow und sie seine Mine.

„Meine liebe Mine“, sagte er am 31. Dezember des letzten Jahres kurz vor zwölf, „geh doch in den Hof und zünde für mich die Silvesterraketen an.“ Er mochte, wenn es knallte und pfiff und nach Schwarzpulver roch, wenn er Schießübungen in seinem Schützenverein machen konnte – ausgeschlossen war es, jemals auf ein Tier zu zielen.

Vor allem Vögel bewunderte er, fotografierte sie und schlug dann in Büchern nach, die die liebe Mine aus Antiquariaten herbeischleppte. Sie war an seiner Seite, half, gerade in den letzten Jahren, als er im Rollstuhl saß. Aber jetzt, mitten in der Nacht in den Hof gehen, um selbst gebaute Raketen in die Luft zu schießen, nein, das lehnte sie ab. Liebe ist auch Streit, wer will schon an stummer Scheinheiligkeit ersticken.

„Wir haben uns einfach gut riechen können“, sagt Hermine, „und hatten immer diese Gelassenheit miteinander, 45 Jahre lang.“ Er wohnte damals in der Christburger Straße, Prenzlauer Berg, in einem ehemaligen Kohlenladen, hatte dort später seine Möbelrestaurierungswerkstatt. Hermines Freundin wohnte im Hinterhof. Und weil die beiden viel zusammenhockten und ständig Hunger hatten, kochte er eben für sie. Anfänglich sprach sie ihn höflich mit „Herr Thurow“ an, schließlich war er 15 Jahre älter, und als aus dem Sie irgendwann ein Du wurde, hatte sie sich so an seinen Namen gewöhnt, dass sie einfach nur das Herr wegließ.

Thurows leiblicher Vater soll ein pommerscher Gutsbesitzer gewesen sein. Die Familie aber, die ihn prägte, war die des zweiten Mannes seiner Mutter. Stiefvater und Großvater führten eine Tischlerwerkstatt und Möbelpoliererei. Thurow stand oft neben dem Stiefvater und den Gesellen, sah ihnen zu, prägte sich die Holzarten ein, hobelte, schnitt, leimte. Außerdem strich er nach der Schule durch Berlin. Machte bei den Pimpfen mit, bis seine Mutter es verbot. Lernte bei dem Vater eines jüdischen Freundes das Schachspiel. Und wurde dann wegen der Bombardierungen aufs Land geschickt.

Nach Kriegsende kehrte er zurück in die Stadt, doch sollte er sich immer nach dem Land sehnen, den Sonnenuntergängen hinter einem weiten Horizont, den Kuhweiden und Pferdekoppeln, sollte eines Tages diesen Sehnsuchtsort wiederfinden, in Spreenhagen, mit einem Haus und einem Garten, einer kleinen und einer großen Werkstatt, sollte alles Schöne fotografieren oder filmen oder einfach nur anschauen. Noch aber war das Leben zwischen Pflanzen und Tieren nur ein Traum, noch tat er tausend Dinge: arbeitete bei der Polizei, als Montagehelfer, als Fotolaborant, als Gleisbauarbeiter, als Kunstharzspritzer. Und restaurierte nebenher immer Möbel. Er heiratete zwei Mal, bekam einen Sohn und eine Tochter, ließ sich zwei Mal scheiden, wurde Gütekontrolleur in einem Möbelbetrieb, wurde in den Verband Bildender Künstler aufgenommen, heiratete ein drittes Mal und machte sich selbstständig.

Es gab zwei Herangehensweisen, die Möbel zu bearbeiten: zum einen die für Privatkunden, zu DDR-Zeiten oft Künstler, die auf beiden Seiten der Mauer verdienten und also genug Geld hatten, übers Land fuhren, verschrammte Antiquitäten fanden und diese dann zu Thurow brachten. Zum anderen für Museen. Museumsstücke durften nie „schön gemacht werden“, sollten immer so aussehen, als hätte eine Gräfin gerade noch eine Tasse Tee an ihrem zierlichen Biedermeiertischchen genommen. Die Kalkulationen für die Arbeiten übernahm Hermine. Und als Thurow nach einer Operation nicht mehr an der Hobelbank stehen konnte, war der Moment gekommen, zurückzugehen in die Landschaft seiner Kindheit. Er sammelte Muscheln und Mineralien, baute Tomaten und Erbsen an, malte, mikroskopierte, legte seine Bach- und Jazzplatten auf, spielte Gitarre und sang die alten Lieder.

Er wollte sich umsetzen, vom Rollstuhl in einen Sessel. Er fiel und brach sich den Oberschenkel. Die Operation verlief gut. Hermine hatte schon eine Reise nach Rhodos gebucht. Aber dann kamen die Schmerzen. Und nichts mehr wurde gut.

„Mein lieber Thurow“, sagte Hermine auf der Trauerfeier, „meine Liebe, mein Leben.“ Und dann: „Sein Glück war sichtbar in seinen lustigen Augen – seine lustigen Augen, seine schönen Hände, sein breites Kreuz, sein fester Körper, seine Stimme werden in meiner Erinnerung bleiben.“ Louis Armstrong und seine All Stars setzen zu einem klagenden Trauermarsch an. Die Trompete klingt aus. Das Schlagzeug beginnt zu hämmern, die Band steigert sich ins doppelte Tempo, immer ungestümer, immer lebendiger.

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