Berlin : Gerhard Weiland (Geb. 1949)

Abgesichert, unterfordert bekam er wenig mit von der Welt da draußen

Jörg Machel

Erinnerungen an die Kindheit und Jugend hat Gerhard Weiland stichwortartig festgehalten: „kahler, halbdunkler Raum, quietschendes Bettgestell, eingeklemmter Finger, Verlassensein, Schreien, Angst, Wimmern. Später: kratzende Unterwäsche, piekende Pullover, schwere Schnürstiefel mit Fußeinlagen aus scharfkantigem, lederbezogenen Metall.“

Damals hieß er noch Nowadnick und lebte bei der Großmutter in Neukölln und am Wochenende bei der jungen Mutter in Kreuzberg. Den Nachnamen seiner Frau nahm die Familie 1995 an, als das nach neuem Namensrecht möglich war. Die schwere Last der Kinderjahre wurde er damit jedoch nicht los. Die Schläge der Großmutter mit Rohrstock und Teppichklopfer blieben in seinem Gedächtnis, ebenso die dunklen Stunden in der Speisekammer, in die er eingesperrt wurde, weil er „ungezogen“ war. Auch die Streitereien zwischen der Großmutter und der Mutter über den unartigen Jungen, wobei keine der beiden für ihn Partei ergriff.

Von seinem Großvater sprach Gerhard mit großer Wärme, obwohl er erst fünf war, als dieser starb. Und er erinnerte sich gern an viele Tiere. Menschen hatten ihn verletzt, Tiere nie. Egal wie groß die Hunde waren, die ihm begegneten, alle ließen sich von ihm streicheln. Er beobachtete Spinnen, Raupen, Insekten. Als er einem Weberknecht aus Versehen ein Bein abbrach, hat ihn das tief erschüttert. Tote Tiere, die er in den Trümmern der Stadt fand, beerdigte Gerhard und schmückte ihre Gräber mit Steinen und Zweigen.

Der Knabe stromerte allein durch Parks und Ruinen, spielte in Jugendfreizeitheimen Schach und Tischtennis und bekam zu Hause Ärger, wenn er spät heimkehrte. Da er ein kluges Kind war, schickte man ihn auf die Realschule, dann aber fehlte die Förderung von zu Hause und er wechselte auf die Hauptschule. Er wurde Fernmeldemechaniker bei der Post; das passte, denn er hatte Lust, an technischem Gerät zu frickeln. Er bastelte an seinem ersten Computer, als viele die EDV noch für Teufelswerk hielten. Und er warnte vor den Gefahren der neuen Technologie, als sie sich langsam durchzusetzen begann.

Der Mauerbau, die Aufrüstung, die Ermordung Kennedys, der Vietnamkrieg: Gerhard interessierte sich für die Dinge, die in der Welt geschahen. Auf einer Demonstration gegen die Nachrüstung schlug ihm ein Polizist einen Zahn aus. Er engagierte sich in der Gewerkschaft – was gern gesehen war, solange er niemandem auf die Füße trat. Einigen Chefs galt er mit seiner Umtriebigkeit als Querulant. So schien es eine Zeit lang, als würde seine Verbeamtung bei der Post nicht durchkommen. Gerhard aber wehrte sich und wurde schließlich doch noch in den Staatsdienst aufgenommen. So landete er, als die Post privatisiert wurde, nicht in der Arbeitslosigkeit, sondern in der Frühpensionierung. Da war er 45.

Abgesichert, unterfordert, ohne ein wirkliches Lebensziel führte Gerhard das Leben eines Privatgelehrten. Er las Bücher und Wissenschaftsmagazine, perfektionierte seine Computerkenntnisse, und wurde mehr und mehr zum Eigenbrötler. Die Kontakte zu ehemaligen Kollegen brachen ab, sein Zuhause wurde das Internet. Nur über die Ehefrau und den Sohn bekam er noch ein wenig mit von der Welt da draußen. Vor einem Jahr starb seine Frau am Krebs.

Manchmal noch taute er auf, wenn er etwa einen Mitschnitt des Kabarettisten Georg Schramm sah oder Musik von Reinhard Mey auflegte. In seinen letzten Monaten verließ Gerhard seinen Sessel selbst zum Schlafen nicht mehr. Am Ende versagte seine Lunge.

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