Berlin : Gerhardt Hoffmann (Geb. 1925)

In Athen dachten sie, er sei ein christlicher Schöngeist, mehr nicht.

Stephan Reisner

Das irrtümlich auf seiner Geburtsurkunde hinzugefügte „t“ im Vornamen unterstrich seine Persönlichkeit. Schon ganz am Anfang bewies er einen unbeugsamen Lebenswillen. Die Mutter war 38, der Vater arbeitete hart unter Tage, die Inflation wütete, die drei älteren Geschwister hungerten. „Nach heutigen Gesichtspunkten wäre ich die Weistritz runtergegangen“, sagte Gerhardt Hoffmann über seinen Lebensanfang. Er sollte Pfarrer werden.

Bad Reinerz in Schlesien, ein beliebter Kurort. Chopin und Chamisso waren einst Kurgäste. Als in den dreißiger Jahren der Skisport populär wurde, pachtete die Familie fünf Villen am See und nahm Gäste auf. Die Inflation war vergessen, dafür drohte deutscher Größenwahn. Lag es an den Brotlaiben mit den Hakenkreuzen, die der kleine Gerhardt auf Weisung seiner Mutter zum Bäcker zurückbringen musste? Oder trieb ihn die Erinnerung an seinen Lehrer um, der die Schüler Brennholz für ein großes Feuer sammeln ließ, in das Bücher geworfen wurden? Der erwachsene Gerhardt Hoffmann jedenfalls holte beim leisesten Aufkommen von Ungerechtigkeit, Unfreiheit und Totalitarismus tief Luft und gab beißende Kommentare ab.

Nach einem Studium von Theologie und Philosophie in Bonn ging er nach Berlin. Ein junger engagierter Mann mit Herz und Menschenkenntnis wurde dringend benötigt in der beladenen Gemeinde in Kreuzberg, SO 36. Zu seinen Schützlingen zählten verarmte Witwen, Kriegsinvaliden und die hart gesottenen Mitglieder des „Sparvereins“, einer Art Trink-, Sport- und Schutzgeldmannschaft. Die Gottesdienste waren gut besucht, doch die eigentliche Arbeit fand außerhalb der Kirche statt. Seine Erlebnisse als Kreuzberger Kiezpfarrer hielt er in seinen „Kreuzberger Geschichten“ fest.

Als die Kreuzberger Pfarrwohnung für seine Familie zu eng wurde, übernahm er eine Stelle in Tempelhof mit großem Pfarrhaus und Garten. Einen leichten Stand hatte er nicht bei seinen drei Töchtern, dem Sohn und seiner rheinisch temperamentvollen Frau Bärbel, die zudem tatkräftig und lautstark unterstützt wurde von der „Böhmschen“, der langjährigen Haushaltshilfe. 1968 kam eine weitere Tochter zur Welt, ein Nachzügler wie er selbst. In der Erziehung appellierte er lieber an das Gewissen, als streng zu disziplinieren. Einmal stahl eine der Töchter 50 Pfennig aus dem Portemonnaie der Mutter. Daraufhin lud der Vater ihre Freundinnen ins Pfarrhaus ein und hielt einen engagierten Vortrag über das siebte Gebot.

Ende der sechziger Jahre wühlte ihn das Schicksal der vom Militär unterdrückten Griechen auf. Er musste etwas tun. Die Machthaber in Athen hielten ihn für einen unbedeutenden Pfarrer aus Berlin-Tempelhof, einen christlichen Schöngeist, der den zweiten Missionsweg des Apostel Paulus in einem Film nachvollziehen wollte. Sie erteilten ihm die Drehgenehmigung. In einem kleinen Flugzeug, zusammen mit einem befreundeten Piloten und einem Fernsehteam sowie den ministeriellen Unterschriften machte er sich auf den Weg. Die Reise ging von Thessaloniki nach Athen. Sie filmten Menschen, Häuser, Fischerboote, karge Inseln, orthodoxe Popen und glatzköpfige Offiziere. Ohne Ton ein ganz normaler Film über ein Land und seine Menschen. Doch die geschickt montierten Texte von Platon, Paulus und verbotenen griechischen Schriftstellern wie Jannis Ritsos und Nikos Kazantzakis verwandelten den Film in ein kühnes Pamphlet gegen die Unterdrückung. Als der Film auf den Berliner Filmfestspielen gezeigt wurde, protestierte der griechische Botschafter vergeblich beim Landesbischof. Der stand zu seinem politischen Missionar im Schafspelz.

Nach der Pensionierung 1988 schrieb er den Roman „Mein Herz hat mich verlassen“, er handelt von einem Patienten, der mit einem Spenderherz lebt. Zuvor war er selbst am Herzen operiert worden. Über das eigene Schicksal hinaus zu denken und sich in das Leben anderer einzufühlen, das hat ihn immer auch zu sich selbst geführt. Den Tod stellte er sich als ein tiefes Ein- und Ausatmen vor. Bis zum Schluss korrigierte er die Fahnen seines letzten Buches „Mose“. Als der Drucktermin feststand, atmete er zufrieden aus. Stephan Reisner

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben