Berlin : Gericht lehnt Klage einer Neuköllnerin ab und macht Weg zum Baubeginn frei

Michael Brunner

Die Frau ist ratlos und genervt. "Ich weiß nicht, was wir tun, wenn die Klage scheitert", sagt Regina F. und zündet sich hastig eine neue Zigarette an. Frau F. steht vor der St.-Johannes-Basilika in der Lilienthalstraße in Neukölln. Neben der Kirche will der Vatikan seine Apostolische Nuntiatur errichten, ein vierteiliges Gebäude von 13,5 Meter Höhe nach Plänen von Dieter Baumewerd aus Münster. Gegen diesen Bau hat Regina F. vor dem Verwaltungsgericht geklagt. "Wenn ich von den Plänen gewusst hätte, wäre ich nie hierhergezogen", sagt sie und zeigt auf ein Fenster im ersten Stock. Dort liegt ihre Eigentumswohnung, die sie vor dem Mauerfall gekauft hat. Unter dem Fenster hängt ein Transparent mit der Aufschrift "Keine Nuntiatur". Frau F. sieht sich als Stellvertreterin der "Bürgerinitiative Volkspark Hasenheide". Die Initiative hat 2000 Unterschriften gegen den Neubau gesammelt.

Am Nachmittag gibt die 19. Kammer des Verwaltungsgerichts ihre Entscheidung bekannt: Das 3900 Meter große Grundstück neben der Basilika sei "als bebaubare Baulücke" anzusehen. Gegen den Bau der Nuntiatur sei nichts einzuwenden. Diese Entscheidung hatten fast alle erwartet: Das Neuköllner Bauamt ebenso wie Diözesanbaurat Hubert Vogt vom Erzbischöflichen Ordinariat, der bereits im August die Bagger zur Basilika schicken will. Zum Ende des Jahres 2000 soll der Neubau mit Audienzhalle, Archiv, Kapelle, Wohnungen für Nonnen und Priester sowie Tiefgarage fertig sein.

Am Donnerstagvormittag tagt das Gericht in der Basilika, auf dem Vorplatz und auf der Wiese neben der Kirche. Richter Wolf Rüdiger von Hase steht zwischen hüfthohen Wildgräsern und verteilt Schriftsätze an die Rechtsanwälte der Klägerin und des Erzbistums. Während die Anwälte über den holprigen Boden stolpern, versucht von Hase, die Pressefotografen zur Vernunft zu bringen: "Wenn wir verhandeln, dürfen Sie nicht fotografieren", sagt er mitten in ein wahres Blitzlichtgewitter hinein. "Berlin ist Regierungssitz und muss sich mit den Erfordernissen abfinden", sagt der Richter. Damit ist natürlich gemeint, dass sich Regina F. abfinden muss. Womit eigentlich? Im Kern damit, dass es bald 27 Meter vor ihrem Fenster ein Gebäude mit grauer Granitfassade geben wird, in dem es laut Baurat Vogt so ruhig zugehen könnte "wie in einem Zweifamilienhaus". Richter von Hase will Verständnis zeigen. "Ich verstehe, dass Veränderungen lästig sind. Das wäre bei meiner Frau genauso", sagt er. "Mit Frauen hat das gar nichts zu tun", ruft die ehemaligen Grünenabgeordnete Ida Schillen aus Reihe zwei. Frau Schillen ist Mitglied der Bürgerinitiative. Klagen konnte sie nicht, weil sie einfach viel zu weit weg wohnt, um vor einem Gericht die Beeinträchtigung ihrer Rechte als Nachbarin geltend zu machen. Gleichwohl ist Frau Schillen ärgerlich über die Absicht der Kirche, den Anwohnern eine Tiefgarage mit Zufahrt zuzumuten. "Naturschutz ist nicht relevant für Nachbarschutz", sagt Richter von Hase. Wenige Stunden später gibt es für den Neubau kein rechtliches Hindernis mehr.

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