Berlin : Gern Semrau, geb. 1945

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Merkwürdiger Name: Gern. Den findet man in keinem Namenslexikon. Gerns Vater gab ihn ihr, da er ein schlechtes Gewissen hatte. Er wollte unbedingt einen zweiten Sohn haben - und bekam eine Tochter. Da er sich seiner Enttäuschung aber ein wenig schämte, wollte er mit der Namensgebung alles wieder gut machen. Die Tochter sollte immer wissen, dass er sie auch als nichtmännlichen Nachfahren wirklich gern hätte.

Gern Semrau wollte auch immer alles gut machen. Sie wollte wiederum ihrem Vater beweisen, dass sie seiner - sehr anspruchsvollen - Zuneigung würdig war.

Sie studierte Medizin. Ein anderer Beruf als Ärztin war kaum vorstellbar für die Frau, die ständig von Menschen umgeben sein wollte, und die möglichst jedem, der bedürftig erschien, helfen wollte.

Während ihres Studiums in München lernte sie ihren späteren Mann, Jürgen Semrau kennen. Das erste Mal, daran erinnert er sich noch gut, sahen sie sich im Anatomiekurs. Sie obduzierte weniger als die anderen, sondern lief von Obduktionstisch zu Obduktionstisch und sprach mit all den Leuten, die sie kannte. Das waren viele. Dabei ging es durchaus um fachliche Fragen, die Studentin war sehr ehrgeizig, sie interessierte sich nur nicht so sehr für die rein mechanische Tätigkeit. So lernten sich die beiden späteren Eheleute kennen, indem sie anatomische Kniffelfragen erörterten; ein richtiges Paar wurden sie über der gemeinsamen Arbeit an der Promotion.

Als sie 1970 damit fertig waren, wechselten sie die Stadt, um anderswo ihre Heilungskünste im richtigen Leben, an richtigen Menschen zu erproben. Dass sie nach Berlin kamen war ein reiner Zufall: Gerns Bruder, der damals als Lehrer arbeitete, erzählte ganz begeistert von einer Klassenreise in die halbierte Stadt. So wählten die frischen Doktoren nicht Hamburg oder Düsseldorf sondern eben Berlin.

Im Krankenhaus Moabit fand Gern Semrau ihre erste Anstellung und mit dem dortigen Oberarzt für Innere Medizin, Dr. Kolmar, einen wunderbaren Mentor. Er begeisterte sie für das Fachgebiet, und er förderte - und forderte - die talentierte junge Ärztin nach Kräften. Für Gern Semrau gab es kaum Wichtigeres als ihren Beruf. Mit schier unendlicher Energie arbeitete sie - und half. Wenn am Wochenende oder nach Feierabend ihre Hilfe gefragt war, machte sie sich ganz selbstverständlich auf den Weg.

Als Dr. Kolmar ihr einen Heroinsüchtigen zur Behandlung im Krankenhaus anvertraute, fühlte sie sich verpflichtet, ihn nicht nur vom akuten Krankheitsfall sondern auch von der Sucht zu heilen. Sie wollte dem Übel, das sie für ein soziales und heilbares hielt, tatsächlich auf den Grund gehen und begleitete ihren Schützling über Wochen durchs Leben. Bis der nicht mehr wollte und vor seiner Helferin floh, zurück in die Sucht.

Auch im Hause der Semraus war die ständige Arbeits-, Hilfs- und Kontaktbereitschaft der Mutter ständig spürbar. Sie kam spät von der Arbeit, vergab die private Telefonnummer an die Patienten - und diese machten davon hemmungslos Gebrauch; sie wussten ja, dass Gern Semrau stets bereit war. Und die Umtriebige lud immerzu neue, interessante Leute nach Hause ein. Wenn Jürgen Semrau spät nach Hause kam (auch er war als Arzt lange im Dienst), kam es eher selten vor, dass kein Besuch da war. Wo nahm sie nur die Energie her?

Immerhin, bei der Behütung der drei Kinder half Gern Semraus Mutter. Nachdem Gern ihr geholfen hatte: Als die Mutter ihren dritten Schlaganfall erlitt, holte die Tochter sie nach Berlin und pflegte sie gesund. Für einige Jahre lebte sie nun bei den Semraus.

Vor etwa fünf Jahren geschah die merkwürdige Geschichte mit den beiden Polen: Die Familie wollte gerade in die Ferien fahren, Kinder und Gepäck waren bereits im Auto, da kam ein unbekanntes junges Pärchen mit Rucksäcken an und fragte nach Frau Dr. Semrau. Über Bekannte hatten die beiden Polen von der ewig Hilfsbereiten gehört und fragten nun, ob sie mal für drei Nächte bei ihr schlafen dürften. Klar durften sie. Und aus den drei Tagen wurde ein halbes Jahr. Gern Semrau half dem jungen Mann bei der Jobsuche, die junge Frau bekam Zwillinge, und die Familie fuhr nach sechs Monaten wieder in die Heimat zurück, wo der frische Vater sich mit den in Berlin erworbenen Berufskenntnissen selbständig machte.

Solche Erfolge können auch die Helfer glücklich machen. Gern Semrau konnte in ihrem Beruf hunderten Menschen wirklich helfen; ständig kam sie mit Blumen nach Hause, die ihr dankbare Patienten geschenkt hatten. Für sie war das jedoch stets mit dem Gefühl verbunden, die eine zu sein, auf die die sieche Welt angewiesen war. Sie konnte nicht Nein sagen und fand keine Ruhe. Niederlagen, die sie einstecken musste, nahm sie sich selbst furchtbar übel. In den letzten zehn Jahren gab es immer mehr davon. Es war wie ein Lebenspendel, das allmählich umschwang: Depressionen begannen, die Powerfrau regelmäßig lahm zu legen. Sie hat die Krankheit als Erschöpfung wahr genommen. Einen Therapiebedarf und eine Therapiemöglichkeit bei sich selbst zu sehen, war ihr nicht möglich, die Helferin konnte sich nicht helfen lassen. Vier Wochen nachdem ihre Mutter neunzigjährig gestorben war, nahm sich Gern Semrau das Leben.

In den letzten drei Jahren hatte sie eine eigene Praxis im Wedding betrieben. Unter ihren Patienten waren sehr viele Türken. Wenn sie sich nicht im Tal der Depression befand, ging sie regelmäßig in die Volkshochschule, um Türkisch zu lernen. Sie wollte die Patienten mit ihren großen Problemen besser verstehen.

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