Berlin : Geronimo

Frank Jansen

Geronimo war ein tragischer Held. Der Indianer-Häuptling bekämpfte hartnäckig mexikanische und US-amerikanische Soldaten, doch trotz einiger Erfolge hatten er, und die amerikanischen Ureinwohner überhaupt, keine Chance auf einen endgültigen Sieg. Was also ist in einer Bar zu erwarten, die sich nach einer historischen Figur mit einer eher traurigen Biografie benennt? Mag sein, dass die Frage allzu moralisch daherkommt. Doch der Name Geronimo klingt trotz des filmischen Glamours, der das Leben des Häuptlings später „veredelt“ hat, erst mal nach ahistorischer Prärieromantik.

Im Umgang mit geschichtsträchtigen Personen und Ereignissen ist die Berliner Barszene sowieso nicht immer stilsicher. Die in manchen Cubano-Lokalen präsentierte Fidel-und-Che-Nostalgie scheint einer Propagandafolie des ranzigen Regimes der karibischen Insel entnommen zu sein. Aber genug politisiert, vielleicht ist „Geronimo“ einfach nur das Tipi des letzten Berliner Stadtindianers.

Auf den ersten Blick und auch auf den zweiten ist zum Glück kein Winnetou-Kitsch zu entdecken. Die Bar entpuppt sich ganz unindianisch als typisches Friedrichshainer Jungtrinkerlokal. Der Raum ist mit Second-Hand-Sofas und -tischen voll gestopft. Der besondere Gag sind Flugzeugsitze, die es sogar in Versionen der 1. und 2. Klasse gibt. Leider war für drinking man und compañera nur noch die Economy Class frei. Aber mit echten Nackenlätzchen von Tui.

Die Beleuchtung wird von herabhängenden, orangig oder lindgrün schimmernden Porzellankugeln dominiert. An einer Wand und an der Decke kleben große, vogelscheuchenartige Figuren aus zerknülltem Packpapier, mit Seilen zurechtgeschnürt. Der Tresen ist eine Do-it-yourself-Konstruktion, im hinteren Raum steht ein Kicker. Er wurde beim Besuch des drinking couple von einer Studentenclique hart bearbeitet. Dazu passte das wüste Gitarrengeschepper, das aus den Boxen dröhnte.

Eine dreiköpfige Girls-Crew fabriziert die Getränke und bedient die Gäste. Das Resultat war besser als erwartet. Der drinking man bekam einen angenehm süßen Waterloo (Wodka, Osborne Sherry, Orangensaft, Vanille, Grenadine). Allerdings blieb auch hier die Frage nach der inhaltlichen Verbindung zwischen Cocktail und blutgetränkter Historie offen. Die compañera trank ohne jede Rüge ihren Hurricane und dann einen sirupartigen Mangogina (Mango, Lime Juice, Rohrzucker). Wiederum gab es keinen Tadel. Bei seinem Mojito hingegen fragte sich der drinking man, warum die Keeperella so überschwänglich Rum eingefüllt hatte. Als der Mojito ausgetrunken war, hatten sich aber auch die Bedenken verflüssigt.

Von Geronimo übrigens kein Bild oder sonst eine Spur. Vielleicht wird die Bar ja demnächst einfach in „Kohl“ umbenannt. Oder in „Stalingrad“.

Geronimo, Sonntagstraße 9, Friedrichshain, Tel. 97 00 38 08, täglich ab 17 Uhr, bei schönem Wetter ab 15 Uhr.

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