Berlin : Gerti Graff

Eine von diesen neuen Frauen, die machten, was sie wollten

Maria Hufenreuter

Gerti war 17 und hatte gerade ihr Notabitur gemacht. Da starb ihr Vater im Volkssturm von Berlin, wenige Tage nach Kriegsende. Ein mutiger Mann, er war aus dem Stadtrat geflogen, weil er sich geweigert hatte, in die NSDAP einzutreten. Auch die Mutter zeigte Haltung, als es drauf ankam. Allein mit den zwei Töchtern, musste sie russische Soldaten in ihr Haus bei Potsdam einquartieren und für sie kochen und nähen. Sie schützte ihre Mädchen vor der Vergewaltigung, indem sie sich selbst schänden ließ.

Gerti wollte in Marburg Evangelische Theologie studieren. Mit zwei Männern, die noch Wehrmachtsuniformen trugen, machte sie sich nach Westdeutschland auf und lief im Wald einer russischen Patrouille in die Arme. Ihre Begleiter wurden sofort erschossen – und sie vergewaltigt, ehe sie weiter durfte.

In Marburg fand sie ein Zimmer und hielt sich mit Nachhilfestunden und Kinderhüten über Wasser. Mit ihren Kommilitonen diskutierte sie über die deutsche Zukunft. Was sollte aus dieser verachteten Nation werden und was aus ihnen allen?

Lehrerin, beschloss sie für sich und wechselte die Fächer. Germanistik und Anglistik studierte sie nun statt Theologie. Ein Semester absolvierte sie in Oxford, ihren Abschluss an der Freien Universität Berlin. Die erste Stelle bekam sie in einem Landschulheim im niedersächsischen Holzminden. Dort verliebte sie sich in ihren Kollegen Jürgen Graff – was jede Menge Klatsch erzeugte. Er war sieben Jahre jünger und sie die unkonventionelle Frau Doktor aus der Großstadt. Dann nahm sie auch noch eine befristete Stelle in Griechenland an, während er weiter im Landschulheim unterrichtete. Einmal flog sie kurz nach Hause und heiratete ihn. Eine von diesen neuen Frauen, die machten, was sie wollten und sagten, was sie dachten. 1966 zogen die Graffs nach Berlin und bekamen eine Tochter.

Die achtundsechziger Bewegung erfasste sie, sie gründeten in Lichterfelde den ersten Kinderladen von Berlin. Auch ein Pfarrer aus Dahlem war dabei. Einer, der fragte: Was würde Jesus dazu sagen? Gerti kam in seine Gemeinde. Das Unterrichten gab sie bald auf und arbeitete ehrenamtlich im Gemeindekirchenrat, eröffnete einen Frauenkreis und 1982 als Mitinitiatorin das Martin-Niemöller- Haus. Ein Friedenszentrum sollte es sein, kein Museum, ganz im Sinne Niemöllers. Von der Aktion Sühnezeichen bis zum Weltfriedensdienst treffen sich dort Protestler und Einmischer. Auch gegen den Widerstand der Dahlemer Gemeinde engagierte sich Gerti Graff bis zu ihrem Tod für den Begegnungsort: Junge Leute, Flüchtlinge wie Workcamper, sollten dort leben und schlafen können. So kamen die Auffälligen und Unangepassten und verwackelten ein bisschen das Bild von der ruhigen Villengegend. Auch Russen öffnete sie die Tür. Die alte Wunde war verheilt.

Mit einer Handvoll Gleichgesinnter dokumentierte sie in einer Ausstellung das Versagen der Evangelischen Kirche im Nationalsozialismus, sammelte dafür Fotos und Schriftstücke zur Bekennenden Kirche um Martin Niemöller. Dort heißt es über ihn: „Er musste von der Schuld der Christen sprechen, weil er erkannte, dass der Nationalsozialismus kein bloßer ,Betriebsunfall’ war und dass es die Wege des althergebrachten Christentums waren, die nach Auschwitz und Hiroshima führten. Darum musste er sich immerzu in die vorderste Front stellen und zu jener kleinen radikalen Minderheit gehören, die der Ostpolitik der sozial-liberalen Koalition und schließlich auch der heutigen Friedensbewegung den Weg bereitet hat.“

Gerti Graff ging vorwärts, auch als die Ärzte nur noch wenig Hoffnung machten und ratlos blieben. Sie trug ihr Los mit Würde, versöhnt und nüchtern. Am 8.Oktober starb sie in Frieden. Maria Hufenreuter

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