Berlin : Gertraude Stuck (Geb. 1937)

Eines Morgens trat sie auf den Balkon der Pension

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Ein junger Mann sitzt auf einer Bank unter einer Linde und schaut freundlich umher. Eine junge Frau kommt den Weg entlang und bemerkt ihn aus einiger Entfernung. Sie bleibt hinter einem Strauch stehen und kann ihren Blick von seinen großen hellen Augen und seinen dunklen weichen Locken nicht abwenden. Plötzlich verfinstert sich das Gesicht des jungen Mannes, er schreit Unverständliches, rollt mit den Augen und reißt an seinem Haar. Die junge Frau läuft den Weg, so schnell sie kann, zurück.

An einem frühen Abend geht die junge Frau hinunter in den Tanzsaal des Dorfes. Sie hat sich eine Blume hinters Ohr gesteckt. Ihr Blick wandert durch den Saal. Zwischen anderen jungen Männern und Frauen entdeckt sie Michaels fein geschwungene Nase und seine vollen Lippen, sie winkt ihm zu, er winkt zurück. Dann wendet er sich mit zärtlichem Lächeln einer anderen zu.

Gertraude zieht die Blume aus ihrem Haar und rennt nach Hause, wirft sich weinend auf ihr Bett und wird den Gedanken nicht los, dass alle Männer, die sie mag, entweder verrückt oder schon vergeben sind. Ihr Körper bebt vom Schluchzen, bis er vor Erschöpfung ganz ruhig wird. Sie hebt den Kopf. Dann eben nicht, denkt sie, steht auf, packt ihren Koffer und fährt nach Berlin.

„Willst du hier auf dem Dorf versauern?“, hatte ein Kollege ihres Vaters kürzlich zu ihr gesagt. „In meinem Baubetrieb in Berlin suchen sie jemanden in der Personalabteilung.“ Aber Gertraude wollte nicht weg, sie mochte das Muhen der Kühe, das Schwatzen der Bäuerinnen und die Schweigsamkeit der Bauern. Doch jetzt war das alles egal, jetzt tat ihr das Herz weh, jetzt stieg sie in den Zug.

In Berlin erwartete man sie. Die Arbeit fiel ihr leicht, der Chef lobte sie für ihren Fleiß und ihre Zuverlässigkeit. Das Büro teilte sie sich mit einer unverheirateten Kollegin. An den Samstagen spazierten beide gemeinsam Unter den Linden entlang und leisteten sich manchmal auch eine Karte für die Oper. Während der restlichen Abende erfreute Gertraude sich an ihrer kleinen Wohnung, an den hübschen Vorhängen mit den großen bunten Blumen, an dem Balkon, auf dem sie an warmen Tagen ihr Abendbrot aß und in die untergehende Sonne guckte.

Eines Nachmittags ging sie nach der Arbeit nicht nach Hause, sondern in ein Warenhaus. Sie wollte ein Kleid kaufen, ließ von der Verkäuferin eines nach dem anderen bringen, schaute sich im Spiegel von vorn an und von der Seite und entschied sich endlich für ein grünes, das ihre schmalen Hüften und ihre Augen besonders zur Geltung brachte. Am Abend trat sie in den Saal, in dem das Betriebsfest in vollem Gange war. Sie setzte sich zu ihrer Kollegin an den Tisch, an dem auch Manfred saß, dem sie schon einige Male auf dem Flur begegnet war. Manfred schaute sie an, einen winzigen Moment zu lang. Er holte ihr ein Glas Bowle, er brachte sie zum Lachen, er berührte, wie zufällig, ihre Hand. In der Nacht standen sie auf der Straße, in seinem Haar hing der Streifen einer Papierschlange, auf ihrem Kopf saß schief ein glitzerndes Hütchen. Er strich ihr über die erhitzten Wangen und sagte: „Ich bin verheiratet.“

Es vergingen die Jahre. Im Mai 2001 hatte Gertraude eine Reise an die Ostsee gebucht. Eines Morgens trat sie auf den Balkon der Pension, ließ ihren Blick über das Meer wandern, sah die Urlauber unten auf der Straße und entdeckte ein Gesicht, das sie kannte. Sie hielt sich am Geländer fest. Dann rief sie seinen Namen. Und Manfred schaute zu ihr empor.

Manfreds Ehe gab es längst nicht mehr. Sie bezogen eine Wohnung, sie heirateten, sie fuhren hinaus in die Natur und in fremde Länder, sie lasen einander vor, sie hielten sich an den Händen.

2011 starb Manfred. Und wenige Monate später auch Gertraude. Tatjana Wulfert

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