Berlin : Gertrud Dembrowski: 1928 als Jiu-Jitsu-Kämpferin bei der Moskauer Spartakiade

Steffi Bey

Ein paar Jiu-Jitsu- Bewegungen beherrscht Gertrud Dembrowski noch. "Zack, zack", sagt die zierliche Dame laut und stößt ihre Arme nach vorn. Dann hält sie die linke Hand schützend vors Gesicht. Ihre Augen leuchten für einen Moment wie die eines jungen Mädchens. Zu einer Rolle in ihrem Adlershofer Wohnzimmer lässt sich die 91-Jährige dann aber doch nicht überreden. "Das geht zu weit", findet sie. Außerdem beschäftigt sie sich heute nun wirklich nicht mehr mit der japanischen Selbstverteidigungstechnik. Dieses Kapitel ihres bewegten Lebens liegt schon mehr als 70 Jahre zurück.

Gertrud Dembrowski war 1924 dem ersten Neuköllner Jiu-Jitsu Verein beigetreten. Ein Freund hatte sie einfach mitgenommen und sie fand Gefallen an der Sportart. Die rüstige Adlershoferin erinnert sich noch gut daran, wie stolz sie war, als sie dann 1928 an der Arbeiterspartakiade in Moskau teilnehmen durfte, um Jiu-Jitsu vorzuführen. "Die Atmosphäre dort war einfach überwältigend, weil wir so etwas Großes einfach nicht gewöhnt waren", sagt sie. Und ihr tat die Gemeinschaft gut: Das Sporttreiben in der Gruppe, die vielen gemeinsamen Fahrten und Erlebnisse.

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Deshalb war sie schockiert und verärgert, als die Nazis 1933 Mädchen und Frauen untersagten, die japanische Sportart weiter zu betreiben. "Die Arbeitersportvereine wurden drangsaliert und schließlich verboten." Trotzdem ist sie dem Sport immer treu geblieben - bis heute. Seit über 50 Jahren macht sie Gymnastik. Erst daheim, mit ein paar Freundinnen und danach im Verein. Im Adlershofer Ballspielclub 08 betreut sie mit ihren 91 Jahren sogar noch eine Gruppe Senioren. "Die sind alle viel jünger als ich und hören trotzdem auf mein Kommando", erzählt sie. Den Abschluss als Übungsleiterin hat sie in der Tasche. Und so macht sie jeden Donnerstag den Frauen etwas vor: Sie streckt ihren zierlichen 1,50 Meter großen Körper, beugt sich nach vorn und lässt sich wieder auf die Matte fallen. "Dehnen, dehnen und noch einmal dehnen", ruft sie den gelenkigen Seniorinnen zu. "Das ist das Wichtigste, damit die Muskeln gefordert werden und nicht einrosten", erklärt sie gutgelaunt. Ihr sei es egal, ob jemand die Übungen langsam oder schnell macht. "Jeder soll sich so bewegen, wie er kann", sagt sie.

Deshalb würde sie auch nie jemanden korrigieren. Das wäre in dem Alter unanständig, denn Mühe geben sich doch alle. So lange es ihre Gesundheit erlaubt, will Gertrud Dembrowski weiter machen, wie bisher. Das bedeutet alle zwei Tage Schwimmen gehen, Gymnastik treiben aber auch Ausstellungen besuchen, in die City fahren und "gute Bücher lesen". Sie ist überzeugt, dass ihr der Sport so ein langes Leben ermöglicht. Am Essen kann es jedenfalls nicht liegen, denn da sündige sie gern ein wenig.

"Zipperlein oder Muskelkater kenne ich nicht, ich bin jeden Tag gut drauf", sagt sie. Deshalb, kann sie jedem nur raten, Sport zu treiben, das hält lebendig und gesund. "Am besten mit Gleichgesinnten, damit man sich auch Anregungen holen kann", betont sie. Als ihr Mann noch lebte, haben sie manchmal zusammen Radtouren unternommen. Jetzt steigt sie höchstens noch bei Sportfesten aufs Ergometer. Vor zwei Jahren gewann sie den Grünauer Seniorenwettbewerb.

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