Berlin : Gertrud Edith Trenczek (Geb. 1932)

"Ich erlaube solche Aktivitäten immer"

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Die wird er nicht mehr treffen. Wäre sie nur ein paar Minuten später gekommen, hätte er nichts gesagt. Aber ihn eine Stunde warten zu lassen … Und wenn sie noch so gut nach den Jazznummern, die sie immer im Ballhaus Resi spielen, tanzt.

Dabei hat sie sich nicht ewig vor dem Spiegel hin- und hergedreht oder mit einer Freundin verschwatzt. Sie konnte schlicht nicht weg. Der Oberarzt wollte noch etwas von ihr, ein Patient hatte gerufen. Der Krankenhausbetrieb läuft anders als ein Studentenleben.

Hätte sie gedurft, wäre auch sie an die Uni gegangen. Sie hätte dann Kinderärztin werden können. Doch der Vater musste in den Krieg, geriet in Gefangenschaft und wurde als einer der Letzten freigelassen. Ein fremder Mann, für die Mutter, für den Sohn, für Gertrud. Die Eltern konnten die Fremdheit nicht mehr überwinden und ließen sich schließlich scheiden. Geld war knapp, ein Studium kostete, so wurde sie Krankenschwester.

Erwartungsgemäß trafen sie sich doch wieder. Gertrud rief Karl-Heinz an. In seinem Studentenwohnheim gab es nur ein Telefon. Ein Kommilitone hob ab. „Hier ist Gertrud“, sagte sie und der Kommilitone rief hinter sich in den Raum: „Karl-Heinz, dein Sternchen ist dran.“ Sternchen. Sie behielt diesen Namen, für ihn, für die anderen, für immer.

Sternchen arbeitete, früh, mittags, nachts als Oberschwester in der Augenchirurgie, obwohl es kein Papier gab, auf dem offiziell das Wort „Oberschwester“ stand. Denn: Eine junge Frau ist eine Frau, die Kinder bekommen wird, der überträgt man auf keinen Fall eine leitende Position.

Und tatsächlich: Gertrud bekam zwei Söhne und gab ihre Stelle im Krankenhaus auf. Doch auch wenn sie jetzt die bundesrepublikanische Frauenkarriere eingeschlagen hatte, war sie weit entfernt von einem fügsamen Hausfrauendasein. Sicher, sie kochte, kaufte ein, putzte, ihre Selbstbestimmtheit aber kam ihr nie abhanden. Zu jeder Zeit war sie ein politischer Mensch, stammte sie doch aus einem kämpferischen Arbeitermilieu, hatte den Naziirrsinn überstanden, nur fünf ihrer Mitschüler waren am Leben geblieben.

Nachdem ihr älterer Sohn seine erste Demonstration angemeldet hatte, stand eines Morgens der Staatsschutz vor ihrer Tür. „Was denken Sie sich?“, sagte sie zu den Beamten. „Ich erlaube solche Aktivitäten immer!“ Und schloss die Tür.

Die tägliche Zeitungslektüre, keine Frage. Lesen überhaupt. Reisebeschreibungen, Romane. Doch las sie nicht auf diese Emma-Bovary-Art, ließ nicht seufzend das Buch in den Schoß sinken, den Blick sehnsüchtig in die Ferne gerichtet. Sie war eine durch und durch praktische Person. Fuhr Auto – welche Frau hatte damals schon einen Führerschein. Besorgte Karten für die Philharmonie, das Theater, die Oper. Schaute sich auf Vernissagen um und kaufte Kunst. Reiste. Mit Karl-Heinz entdeckte sie alle Kontinente. Nach New York fuhren sie, obwohl die Söhne erst neun und zehn waren. Das Essen für die beiden hatte sie vorgekocht, und ab und an schaute die Oma vorbei. Obwohl sie es wegen des Geldes nicht musste, begann sie, als die Söhne allein in die Schule konnten, wieder im Krankenhaus zu arbeiten.

Viele Jahre später wurde sie vergesslich, erst nur ein wenig, dann vergaß sie Teile ihrer Welt vollkommen. Komplette Jahre verschwanden aus ihrem Gedächtnis. Doch so lang Karl-Heinz da war, geriet ihr Alltag nicht vollkommen aus dem Takt. Sie konnte nicht mehr sagen: „Das ist mein Mann“, aber sie spürte deutlich, dass er zu ihr gehörte. Erst als Karl-Heinz starb, entglitt ihr der Faden des Lebens ganz und gar.

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