• Gertrud Jaron Geb. 1923: Sie wollte heiraten, doch sie blieb allein. Auch deshalb hatte sie viel Zeit. So stellte sie sich für ihren Pfarrer immer nach Obst an

Berlin : Gertrud Jaron Geb. 1923: Sie wollte heiraten, doch sie blieb allein. Auch deshalb hatte sie viel Zeit. So stellte sie sich für ihren Pfarrer immer nach Obst an

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Sie hat das Totenbuch geführt. Gertrud Jaron hat in den letzten zehn, 15 Jahren, immer kurz bevor es November wurde, mit einer Schreibfeder Namen in das Totenbuch der Herz-Jesu-Gemeinde geschrieben; die Namen der Gemeindemitglieder, die in den zwölf Monaten davor gestorben sind. In Schönschrift. Gertrud Jaron war mal Lehrerin, sie konnte das.

Jetzt steht ihr eigener Name drin. Jedes Jahr am 2. November feiern die Katholiken Allerseelen, das Fest, an dem sie ihre Toten ehren. Damit die Gemeinde weiß, für wen sie da zu beten hat, hatten sie in Herz Jesu irgendwann in den achtziger Jahren die Idee, ihre Namen in ein Buch zu schreiben. Der Name Gertrud Jaron steht darin auf der Seite für den 29. September. Daneben, in der Spalte für das Sterbejahr, die 2000.

Der Platz für den Mädchennamen ist frei, sie trug ihn ihr Leben lang, denn sie hat nicht geheiratet. Aber probiert hat sie es, kurz vor dem Krieg war sie verlobt. Der Geliebte hat sich von ihr abgewandt, hat sie einmal ihrem Pfarrer gesagt, denn er hat Gertrud weniger geglaubt als seiner Mutter. Die hat ihm, in Briefen wohl, Lügenmärchen erzählt über den Lebenswandel des frommen Mädchens, hat geschrieben, dass Gertrud sich mit Männern herumtreibe. Als der Verlobte sie im Stich ließ mitten im Krieg, da hatte sie bereits einen anderen Mann, ihren Vater, längst verloren. Der war ein paar Jahre davor an der Tuberkulose gestorben. Die Mutter starb kurz nach dem Krieg und Gertruds Halbschwester auch. Es war also Frieden und Gertrud war allein. Und weil nach dem Krieg ja alle Männer weg waren, ist sie allein geblieben. Mit sich und ihrem Gott.

Sie hat sich für die Kindererziehung als Beruf entschieden und wurde Unterstufenlehrerin. Um weniger Ärger wegen ihres Glaubens zu haben, schulte sie aber rasch um und wurde Horterzieherin. Wenn sie nicht Kinder erzog, kümmerte sich Gertrud Jaron um ihre Gemeinde, um Herz Jesu in der Fehrbelliner Straße, Prenzlauer Berg. Die Gegend um das Schönhauser Tor und den Rosenthaler Platz hatte die moralische Stütze eines funktionierenden Gotteshauses dringend nötig, verwegene Gestalten bevölkerten das Viertel. Franz Biberkopf, der Totschläger aus dem Roman "Berlin Alexanderplatz", war hier einst zu Hause.

Während die Pfarrer sich um das Seelenheil der Nachbarn kümmerten, hat Gertrud Jaron Kirche und Pfarrei in Schuss gehalten. 30 Jahre lang hat sie bei sich zu Hause die Kirchenwäsche gewaschen; die Messgewänder, die Altardecke und das Korporal - das Tuch, das über der Decke liegt. Obwohl es aus pflegeleichtem, derbem Leinen ist, darf man ein Korporal nicht einfach in die Maschine stecken. Die Tücher spülte Gertrud Jaron immer mit kaltem Wasser, und das goss sie anschließend auf die Erde. Die Hostienkrümel, die bei der Kommunion vor dem Altar auf die Tücher fallen, müssen auf die Erde gelangen; erst danach darf man waschen, stärken, bügeln.

Als sie 1983 in Rente ging, hatte Gertrud Jaron noch mehr Zeit für Herz Jesu. Und Zeit war in der Stadthälfte, in der sie lebte, eine harte Währung. Wer Zeit hatte in Ost-Berlin, der konnte Dinge auftreiben, die man für Geld nicht bekommen konnte. Obst und Gemüse zum Beispiel gab es in der alten Markthalle am Alexanderplatz oder ein paar Straßen weiter nördlich in der Ackerhalle an der Invalidenstraße durchaus, aber oft nur zur Unzeit: tagsüber, wenn die Leute arbeiteten. Gertrud Jaron stellte sich in die Warteschlangen und kaufte, was sie tragen konnte, manchmal auch im Westen. Als Rentnerin durfte sie da hin.

Zwei Beutel voll Früchte brachte sie jeden Freitag nach der Abendmesse vorbei, einen für den Pfarrer, einen für den Kaplan. Das ist das erste, woran sie sich erinnern, wenn sie heute nach Frau Jaron gefragt werden.

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