Berlin : Geruchsneutral

Die Berliner Luft erhält Konkurrenz: Sauerstoff aus der Dose

Stefan Jacobs

Wer auf dem Weg zur Arbeit am Freitagmorgen noch schnell bei Wertheim am Ku’damm durch die Lebensmittelabteilung ging, erlebte eine Premiere: Sauerstoff in frei verkäuflichen, handlichen Dosen. „Das Gute-Laune-Barometer steigt dann für mehr Fun und Action“, sagt die Werbung. Da hängt man doch gern die Nase ein paar Züge lang über die Dose, damit die Kollegen im Büro nachher staunen.

Von weitem sieht es ein wenig nach Büchsenwerfen aus, was Frank Ell und seine beiden Helfer aufgebaut haben. Aber die Sache ist ernst – und nicht ganz einfach, denn Ell wirbt für Dosen, die voll so leicht sind wie leer und je nach Größe 7,75 oder 9,75 Euro kosten.

Fhhhhhhhhhh! Sieben Atemzüge steigern die Leistungsfähigkeit für zwei bis drei Stunden um 30 Prozent, sagt Marketingmann Frank Ell. Der Sauerstoff soll also noch wirken, wenn dem Energy-Trinker am Expander nebenan schon längst die verliehenen Flügel wieder abgefallen sind.

Nach drei Minuten soll es wirken. Bis dahin erzählt Ell, dass seine Dosenfirma goX Lieferant von Hannover 96 und des BMW-Williams-Teams ist und dass der Deutsche Sportstudio-Verband seinen Mountainbikern (was machen die eigentlich im Studio?) den Dosensauerstoff verabreicht, damit sie keinen Muskelkater bekommen.

Die drei Minuten sind um, das Blut müsste jetzt durch die Adern perlen wie ein Gebirgsbach, der Blick klar und der Kopf frei sein. Aber die fensterlose Kaufhauswelt dreht sich nicht schneller, und schöner wird sie auch nicht. „Wenn man sich vorher schon fit gefühlt hat, spürt man die Wirkung natürlich weniger“, sagt Ell.

Die meisten Kunden ziehen achtlos am Sauerstoffstand vorüber. Dabei sehen einige schon so aus, als könnten sie ein bisschen frische Luft vertragen. Ell brieft die beiden Studenten an seiner Seite: „Ich würd’ sagen, wir gehen jetzt mal ein bisschen aktiver auf die Leute zu.“ Prompt bleibt auch ein Mann im Banklehrlingslook stehen. Aber das ist doch nurder Wühltisch-Marktschreier von schräg gegenüber, der schon zum dritten Mal schnorren kommt und sich dabei aufführt, als wäre er der Kaufhausbesitzer.

Der Mann bekommt eine Dose, damit er Ruhe gibt, und die beiden Studenten stoppen eine alte Dame: „Schauen Sie mal: reiner Sauerstoff!“ „Oh!“, sagt die Frau. „Hilft das auch gegen meinen Schwindel?“ Sie inhaliert ein paar mal, setzt ab und strahlt: „Das ist toll!“ Die erste Dose ist verkauft.

Ein türkischer Junge beäugt den Dosenstapel, ergreift aber die Flucht, als das Promotion-Team ihn anspricht. Dafür bleibt ein Rentner stehen und sagt, dass er 90 Jahre alt sei. „Mit dem Sauerstoff hier werde ich wohl 110?“ Könnte sein, sagen die drei hinter dem Stand. Der Mann will aber nicht 110 werden.

Wenn Frank Ell nicht sein Puls-Oxymeter zu Hause vergessen hätte, könnte er den Leuten zeigen, wie fit sie sich hinterher fühlen. Er verkauft ja keine Luftnummer hier.

Die gibt’s im Europa-Center: Berliner Luft, 180 Milliliter für 1,95 Euro. Die riecht genauso wie der Sauerstoff. Aber man kriegt sie viel schlechter aus der Dose, und teurer ist sie bei gleicher Menge auch. „Es gibt Artikel, die deutlich besser gehen“, sagt der Verkäufer. Macht aber nichts: Die Berliner Luft, Luft, Luft ist laut Aufdruck unbegrenzt haltbar, der Sauerstoff nur bis zum Jahr 2006.

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