Gerüstwerbung am Bahnhof Zoo : Bahn wartet sich reich

Die Bahn wartet sich reich. Es gibt Kritik an der Gerüstwerbung am Bahnhof Zoo. Die Bauarbeiten werden angeblich absichtlich verschleppt, um noch möglichst lang die Einnahmen vom 602 Quadratmeter großen Werbeplakat zu halten.

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Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Seit einem Jahr ist der Bahnhof Zoo eingerüstet. Angeblich um Fassadenarbeiten durchzuführen. Doch Bauarbeiter sieht man dort nur äußerst selten. Die Baustelle ist unvollendet viel wertvoller. Ein 602 Quadratmeter großes Werbeplakat macht es möglich. Nach Informationen des Tagesspiegels kann die Bahn damit im vergangenen Jahr bis zu 1,5 Millionen Euro erwirtschaftet haben. Politiker warfen der Bahn deshalb vor, die Bauarbeiten absichtlich verschleppt zu haben. Ein Bahnsprecher wies die Vorwürfe als „absurd“ zurück. Trotzdem wird das Plakat morgen vermutlich vorerst abgehängt.

Laut Mediaexperten gilt die Werbefläche am Bahnhof Zoo als beste Lage. Fast 200 000 Menschen halten sich täglich dort auf. Doch statt einer strahlenden Bahnhoffassade fällt ihr Blick auf leicht bekleidete Models, die preiswerte Bikinis oder Kleider bewerben.

Dem zuständigen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf war diese Verramschung des Hardenbergplatzes seit langem ein Dorn im Auge. Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) war bisher aber machtlos. Eine kürzlich verabschiedete Änderung der Bauverordnung konnte dem Wildwuchs nun einen Riegel vorschieben. Mit der Bahn habe man mittlerweile eine Einigung erzielt, sagte Gröhler. „Die Plakate dürfen noch bis zum 31. Oktober hängen bleiben.“ Dafür habe die Bahn endlich mit den Fassadenarbeiten begonnen und die illegale Werbung an der denkmalgeschützten Brücke über die Hardenbergstraße entfernt.

Das sei die „endgültige Kapitulation der Verwaltung“, empört sich Claudia Hämmerling, die für die Grünen als Stadtplanerin im Abgeordnetenhaus sitzt. Das Abhängen der ohnehin illegalen Werbung sei kein Entgegenkommen. „Das Plakat muss umgehend weg“. Die Gerüstwerbung hält sie ebenfalls für illegal. Es sei schon immer verboten gewesen, ein Gerüst als Werbefläche zu nutzen, wenn nicht gleichzeitig gebaut werde. „Aber das nachzuweisen ist kompliziert, weil ab und an eben doch jemand für eine Zustandskontrolle oder zum Fensterputzen vorbeikam“, so Hämmerling. Sie fordert deshalb, künftig das Land Berlin mit 50 Prozent an den Erträgen durch Riesenplakate zu beteiligen. „Die Bürger müssen schließlich den Anblick in ihrem Stadtbild ertragen.“ In Paris und Hamburg sei die Vergabe für Lizenzen der überdimensionalen Plakate bereits durch eine zentrale Ausschreibung geregelt. So werde verhindert, dass Bauherren die Arbeiten absichtlich verzögerten.

Ein Bahn-Sprecher zeigte sich verwundert. Zwar sei man „ebenfalls nicht glücklich“ über die entstandenen Verzögerungen. Die Vermutung, man habe die Arbeiten absichtlich verschleppt, sei aber schon deshalb absurd, weil die Kosten des Gerüsts die Erträge durch Werbeeinnahmen überträfen. Zahlt die Bahn allerdings den branchenüblichen Mietpreis von etwa 5,50 Euro pro Quadratmeter und Monat, stünden monatlichen Ausgaben von etwa 12 000 Euro die Werbeeinnahmen von bis zu 129 000 Euro gegenüber.

Im November will die Bahn das Gerüst nun abbauen und damit dem Plakat und der Diskussion darüber die Grundlage entziehen. Bei der zuständigen Marketingfirma ist man darüber offenbar noch nicht informiert. Zwar wird das Poster morgen vorerst abgehängt, weil für Oktober und November noch kein neuer Werbepartner gefunden ist. Der halbe Dezember ist offenbar aber bereits ausgebucht. Die Genehmigung besteht TagesspiegelInformationen zufolge noch bis Ende des Jahres. Sidney Gennies

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