Berlin : Gesamtdeutscher Eistanz

Berlin will das führende Eislaufzentrum Deutschlands werden – die Chancen stehen nicht schlecht

Jörg Petrasch

Alexander Gazsi sitzt auf einer Bank und kühlt sein Knie. Kurz zuvor war der 19-Jährige auf dem Eis ausgerutscht und gestürzt. Aber das kann schon mal passieren, wenn man das Eis zum Tanzen nutzt. Seine drei Jahre jüngere Partnerin Sandra Gissmann konnte sich gerade noch retten und beide schließlich noch ihr Programm beenden. Dem zweiten Berliner Eistanz-Paar, Michelle Chrudinak und Benjamin Blum, ging es bei den Offenen Berliner Meisterschaften in der Junioren-Klasse ähnlich.

Am Weddinger Eis wird es aber wohl nicht gelegen haben. Glatt ist es überall, nicht nur im Erika-Hess-Eisstadion am vergangenen Wochenende. Doch der leitende Landestrainer im Eislaufen ist nachsichtig mit seinen Schützlingen. „Es ist immer unangenehm, gegen seine Trainingspartner zu laufen“, sagt Reinhard Ketterer. Nachsichtig kann der 55-Jährige allerdings auch sein. Denn die Erfolgsbilanz der letzten Jahre kann sich sehen lassen. Die Hauptstadt ist zumindest im Nachwuchsbereich eine Hochburg. Berlin führt 2003 die Medaillenspiegel bei den deutschen Jugend- und Juniorenmeisterschaften an, vor den großen Flächenländern Bayern, Baden- Württemberg und Nordrhein- Westfalen. Aber Ketterer hat ehrgeizige Pläne: „Berlin soll das deutsche Eislaufzentrum werden.“ Noch ist das Oberstdorf.

Die erfolgreiche Arbeit des Bundesstützpunktes lockt bereits talentierte Eisläufer aus ganz Deutschland. Das Juniorenpaar Gissmann/Gazsi ist so ein Beispiel. Gissmann ist vor zwei Jahren aus München nach Berlin gekommen, Gazsi vor einem Jahr aus Chemnitz. Vor ein paar Monaten kamen sie hier zusammen. Beide werden sogar noch von Michelle Chrudinak übertroffen. Die 14-Jährige ist seit Juni in Berlin und stammt aus Budapest.

Die erfolgreiche Nachwuchsarbeit im Eislauf kommt nicht von ungefähr. „Nach der Wende wurden aus dem DDR-Sport viele gute Strukturen übernommen“, sagt Ketterer. Diese galt es in Ost- und Westberlin weiterzuentwickeln und anzugleichen. Da half es sicher, dass Ketterer, der seit elf Jahren in Berlin als Chef-Trainer tätig ist, aus Bayern stammt und somit unvoreingenommen an diese sensible Aufgabe gehen konnte. Denn friedlich seien die ersten Berührungen nach der Wende nicht gewesen, sagt er. Das hat sich seitdem gebessert.

Davon haben Gissmann und Gazsi allerdings nicht viel mitbekommen. Für das deutsch-deutsche Eistanz-Paar sind die Trainingsbedingungen im Sportforum Hohenschönhausen nahezu optimal. Sechs Mal die Woche wird mehrere Stunden geübt, parallel zur Schule. Das ist zwar noch keine Garantie für den späteren Erfolg, aber eine wichtige Voraussetzung – auch wenn es an diesem Wochenende nur zum zweiten Platz hinter ihren Berliner Konkurrenten Chrudinak und Blum reichte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben