Berlin : Gesang und Goldstaub

Es ist vollbracht: Bei der Schlussgala im Berlinale-Palast wurden die Bären verteilt

-

Der lustigste Kurzfilm des Abends? Ganz klar die Aufzeichnung der BärenÜbergabe an Julia Jentsch, die am Abend, als im Berlinale-Palast die Preise verteilt wurden, schon wieder in München auf der Bühne stehen musste. Eine ambivalente Szene: Im Vordergrund die fast schluchzende Julia mit wegknickender Stimme, rührend ergriffen von der großen Ehre, im Hintergrund dagegen Dieter Kosslick und Roland Emmerich munter plaudernd, als seien sie in einem ganz anderen Film. Unkommentiert wäre das peinlich gewesen, aber da Kosslick den Faux-pas schon vorher eingestanden und sich in aller Form entschuldigt hatte, blieb es das komische Zeugnis einer Alltagsschlappe – vergeben und vergessen.

Der Preis für den musikalischsten Auftritt des Abschlussabends gebührte dagegen Pauline Malefane, Darstellering der Titelheldin im Siegerfilm „U-Carmen eKhayelitsha“. Die Produzenten hatten ihr den Goldenen Bären gleich weitergereicht, stellvertretend für die Menschen im Township Khayelitsha. Klar, dass eine Opernsängerin darauf in wohlklingender Weise antwortet – in der Landessprache Xhosa.

Ein schöner Abend, mit dem die 55. Berlinale ausklang. Gottlob ohne Filmförderungspalaver, das die Eröffnung doch etwas zäh hatte ausfallen lassen. Die Gäste teilweise diesselben, das lässt sich in unserer kleinen Stadt nicht ganz vermeiden. Bai Lings Kostümierung wieder sehr, sehr luftig, ergänzt durch Goldstaub hier und da, der sich später auf den von ihr umarmten Preisträgern verteilte. Anke Engelke wieder in Bestform, mit wohldosiertem Witz, Kosslick dagegen zeigte eine verständliche Tendenz zum Bilanzieren. Was anders gewesen sei als im Vorjahr? „Die Filme.“ Die dümmste Frage dieses Festivals? Ob Raoul Peck der Sohn von Gregory Peck sei. Ist er nicht! Und auch auf die Standardfrage, wo die Stars gewesen seien, hatte der Festivalchef seine individuelle Antwort: „Wo ich war, da waren sie.“ Da Menschen aber in Parallelwelten lebten, seien sie anderen wohl nicht aufgefallen. Auch Roland Emmerich bilanzierte, rühmte die Juryarbeit als ungemein harmonisch, das Finden der Preisträger als sehr leicht. Und er hat etwas gelernt: Wassermelonen, die im Wettbewerbsprogramm in sehr ausgefallener Verwendung gezeigt wurden, sehe er jetzt in neuem Licht.

In der Nacht zuvor waren bereits die Teddy-Awards verliehen worden. Anders als früher hatte das Geld nicht gereicht, eine Gala für den lesbisch-schwulen Filmpreis im Kino International auszurichten. So war es eher eine Disco mit angeschlossener Preisverleihung, die dort über die Bühne ging. Überreicht wurde der Preis – ein von Comiczeichner Ralf König entworfener Bär auf einem Pflasterstein – von Teddy-Mitbegründer Wieland Speck. Das Votum der Jury für „Un año sin amor“ als Siegerfilm wurde hörbar nicht von allen im Publikum geteilt. Umso mehr Applaus gab es, als der von vielen favorisierte Film „Transamerica“ den Leserpreis des lesbisch-schwulen Stadtmagazins „Siegessäule“ erhielt und damit nicht ganz leer ausging. ac/ling/oew

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar